Friedland – das ist eine unvergeßliche Station deutscher Geschichte. Rund zwei Millionen Menschen sind bisher durch dieses niedersächsische Dorf an der deutsch-deutschen Grenze gegangen: Kriegsgefangene, Internierte, Vertriebene, Rückwanderer und Heimatlose. Bis heute konzentriert sich an diesem Ort wie nirgendwo sonst alles Leid und Elend, das Deutsche durch den Krieg und seine Folgen erfuhren. Ein Buch über diese Schicksalsstätte ist deshalb notwendig, besonders in einer Zeit, in der es vielfach als deplaciert erscheint, an vergangenes Grauen zu erinnern. Dieses Buch muß ein geschichtliches Dokument, es muß vorbehaltlos und mit größtmöglicher Objektivität geschrieben sein. Es soll lieber zu nüchtern, als zu gefühlvoll, lieber Bericht als Roman sein. Diesem Ideal ist leider

Josef Reding: "Friedland." Paulus Verlag, Recklinghausen. 272 S., 29 Fotos, 12,80 DM.

nicht so nahe gekommen, wie es wünschenswert wäre. So sehr man Reding auch konzedieren muß, daß er im ganzen gesehen seinen schwierigen Stoff formal bewältigt hat, ist er doch andererseits der Gefahr der Vermengung zweier literarischer Medien, des Berichts und des Romans, erlegen.

Die in "Friedland" auftretenden Personen – teils lebende, teils erfundene – sind bloße Typen. Geradezu abgeschmackt erscheint die Schematisierung im Fall des Russenmädchens Alja, "das so demütige bloße Schultern hat", und das "wahre Rußland" in einer Kohlengrube Workutas symbolisieren soll. Neben einer Vertreterin von "Mutterchen Rußland" agieren in den Workuta-Szenen ein unschuldig zu Straflager verurteilter Kriegsgefangener, ein in der Sowjetzone verhafteter Junge und ein Kriegsverbrecher. Der letztere schoß aus Rache wegen der Schändung eines Kameraden auf Kinder und Frauen. Tritt dieser Mann nun zusammen mit Repräsentanten bestimmter Personengruppen auf, so soll er nicht als Einzelfall verstanden werden, das heißt: in Rußland wurden nicht nur unschuldig Verurteilte, sondern ebenso eine nicht geringe Zahl Kriegsverbrecher zurückgehalten. Diese Tatsache bestreitet aber Reding am Ende des Buches, wenn er schreibt: "Die Welt weiß noch nicht, daß mit Ausnahme von zwei, drei Fällen die Anklagen, nach denen die deutschen Gefangenen zu Zwangsarbeit in Rußland verurteilt wurden, bis zur Komik übersteigert sind."

Noch mehr als den Vorwurf der Inkonsequenz und Verbrämung muß sich Reding aber den der Einseitigkeit gefallen lassen. Wenn man das Buch ausgelesen hat, bekommt man nämlich den Eindruck, als ob das Liebeswerk Friedland fast ausschließlich eine Tat der katholischen Kirche, vertreten durch den Lagerpfarrer Dr. Krähe (der auch das Vorwort schrieb), gewesen sei. In einem Band wie diesem sollte aber nicht die Karitas der einzelnen Konfessionen gegeneinander aufgerechnet werden, sondern wer den Anspruch erhebt, eine Chronik zu schreiben, der muß sich um eine allen Beteiligten gerecht werdende Darstellung bemühen.

Günther Specovius