Zu Beginn jenes Jahrhunderts, das in seinem weiteren Verlauf den Durchbruch der modernen Naturwissenschaften bringen sollte, genauer gesagt: am 24. März 1822, wurde einem Studenten vom hessischen Großherzog ein Stipendium in Höhe von 300 Gulden "gnädigst bewilligt". Es wäre eine gewiß interessante – aber praktisch wohl kaum lösbare – Aufgabe, zu errechnen, um wieviel tausend, ja, Millionen Mal der Nutzen in diesem Fall den Aufwand überstieg. Der Student nämlich hieß Justus Liebig.

Mit 300 Gulden ist es heute leider nicht mehr getan. Vor hundert Jahren noch konnte man "gnädig bewilligen", in unseren Tagen gilt es, Notwendigkeiten gerecht zu werden. Ein Volk, das nicht mehr bereit ist, sehr hohe Summen für seine Forschung aufzuwenden, wird – nach dem Wort eines prominenten Gelehrten – bald "so uninteressant sein wie ein Stamm Bantuneger".

In der Bundesrepublik ist die wissenschaftliche Forschung – kein Eingeweihter leugnet das mehr – verglichen mit dem Ausland auf den Stand von etwa 1930 zurückgefallen. Die SPD hat unlängst auf ihrem Münchener Parteitag die Alarmtrommel gerührt, und auch der Bundeskanzler nahm wenige Tage später eine Pauke zur Hand und kündigte vernehmlich einen energischen Feldzug gegen die Wissenschaftsmisere an. Jetzt, da "der Staat" sich mehr als bisher zu rühren beginnt, ist es jedoch heilsam – und gerecht – rückschauend die Arbeit eines Verbandes zu würdigen, der, als "ewiger Schnorrer" bespöttelt, aus dem wenigen, was er hatte, viel zu machen verstand.

Wir meinen den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der schon 1920 als eine "Gemeinschaftsaktion der Wirtschaft zur Förderung von Forschung, Lehre und Bildung" unter dem Vorsitz des Industriellen Carl Friedrich von Siemens ins Leben gerufen wurde. Von Anfang an galt hier der Grundsatz, daß die finanzielle Hilfe nicht den Ländern und ihren Hochschulen, sondern dem Forscher und seiner Forschung unmittelbar und ohne Rücksicht auf Landeszugehörigkeit zukommen sollte. Heute gehören dem im Jahre 1949 wieder errichteten Stifterverband neben sämtlichen Spitzenverbänden der Wirtschaft rund zweieinhalbtausend Vereinigungen, Unternehmen und Einzelpersonen aus Handwerk, Gewerbe, Handel und Industrie an.

Zwei große Organisationen sind es vor allem, an die der Stifter verband seine Gelder weiterleitet: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der die 31 wissenschaftlichen Hochschulen der Bundesrepublik und Westberlins, die vier westdeutschen Akademien der Wissenschaften und fünf wissenschaftliche Gesellschaften (wie die Max-Planck-Gesellschaft) als Mitglieder angehören, und ferner die Studienstiftung des deutschen Volkes, die ausschließlich der Förderung begabter junger Akademiker dient. Der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die in den zwanziger Jahren auch schon eine Vorgängerin hatte und nach dem letzten Krieg zunächst als Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft wiedererstand, sind aus den Mitteln des Stifterverbandes in den Jahren 1950 bis 1955 rund 8,5 Millionen Mark zugeflossen. Wer glaubt, das sei eine gewaltige Summe, möge sich vor Augen führen, daß allein die Einrichtung eines modernen Großlaboratoriums mehrere Millionen Mark verschlingt.

Jedoch geht – das sei der Klarheit wegen noch einmal, nachdrücklich vermerkt (siehe DIE ZEIT vom 3. Mai 1956) – nur ein kleiner Teil des Geldes, das die freie Wirtschaft für wissenschaftliche Zwecke aufwendet, durch die Hände des Stifterverbandes. Rund 36 Millionen wurden 1955 von der Wirtschaft insgesamt ausgegeben; davon wurden rund 26 Millionen für innerbetriebliche Forschungen verbraucht und sechs Millionen dem Stifterverband unter Benennung ganz bestimmter Zwecke überwiesen. Nur vier Millionen – ein Zehntel der Gesamtsumme also – blieben frei verfügbar.

Daß die Grundlagenforschung und daß besonders die Geisteswissenschaften dabei zu kurz kommen mußten, war gewiß nicht die Schuld des Stifterverbandes. Im Gegenteil: Soweit es nur irgend in seinen Möglichkeiten stand, hat er auszugleichen versucht und jene Forschungen unterstützt, die zwar nicht zu einem sogleich ins Auge springenden, unmittelbaren "Nutzeffekt" führen, wohl aber wichtige Mosaiksteine zum wissenschaftlichen Gebäude zusammentragen.