Von Michael Freund

Am Eingang des Suezkanals steht das Denkmal des Erbauers: Ferdinand de Lesseps. Er streckt weit die Hand aus, wie auf die Weite der Wüste und des Meeres zeigend. Auf dem Denkmal ist auch sein Wahlspruch festgehalten: Aperire terram gentibus. (Den Völkern die Erde öffnen!).

Ferdinand de Lessep hat das Projekt der beiden großen Kanäle von weltpolitischer Bedeutung, des Suez- und des Panamakanals betrieben. Es war die Zeit, als die Weltherrschaft des weißen Mannes ihren berauschenden und glänzenden Höhepunkt erreicht hatte, als Europa noch Kapital und Ideen an die Welt vergeudete und als es noch davon träumte, durch kühne, erdumspannende Pläne die Weltwunder zu übertrumpfen. – Der Herr von Lesseps war ein Abenteurer, ein Träumer, einer der großen wirtschaftlichen Condottieri, wie sie der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat: kühn, bedenkenlos, ein Gaukler und Rattenfänger, der mit zäher und wendiger Geschäftigkeit die Ideen des Österreichers Negrelli aufgriff, Gesellschaften gründete und sie den Völkern und Regierungen aufschwätzte, ein Besessener, der sein Unternehmen wie ein großes Glücksspiel betrieb und dessen Leben daher auch sehr folgerichtig im Schatten des Panamaskandals endete.

1868 wurde der Suezkanal mit einem glanzvollen und rauschenden Fest eröffnet. Verdi hatte seine Oper "Aida" für das Fest geschrieben. Die Fürsten Europas hatten sich zur Feier versammelt. Es war vor allem ein großer Triumph Frankreichs. Kaiserin Eugenie stand am Bug der L’Aigle, die an der Spitze eines großen Festzuges aus Fahrzeugen aller Welt zum ersten Male den Kanal durchfuhr. Nur eine Macht stand grollend zur Seite: Großbritannien.

London hatte auf die Erhaltung des osmanischen Reiches gesetzt und fürchtete, daß der Kanal die Unabhängigkeitsbestrebungen Ägyptens und der arabischen Länder ermutigen könnte. Immer wieder machte die britische Regierung die Pforte mobil, damit sie, wie es in einer Weisung des britischen Außenministers hieß, "positive Befehle gebe, eine Arbeit abzustoppen, die ein Stück politischen und privaten Schwindels ist." Aber Stambul hatte nicht genügend Macht mehr über Kairo.

Zuletzt aber schnappten die Engländer den Franzosen den Suezkanal weg. Disraeli kaufte von dem bankrotten Vizekönig von Kairo dessen Besitz an Suezkanalaktien, etwa ein gutes Viertel der Aktien überhaupt, und gewann damit gegenüber dem sonstigen zerstreuten Aktienbesitz einen beherrschenden Einfluß in der Gesellschaft. In sieben großen Kisten wurden diese Aktien nach London geschafft. Und an die Königin schrieb Disraeli: "Es ist für die Autorität und Macht Eurer Majestät in dieser kritischen Zeit von lebenswichtigem Interesse, daß der Kanal England gehört."

1882 besetzte Großbritannien – Unruhen gegen die Europäer zum Vorwand nehmend – Ägypten, den zaudernden Franzosen zuvorkommend, die geistig und politisch die europäische Intervention vorbereitet und die ihr durch den Bau des Suezkanal das Stichwort gegeben hatten. Die englische Flotte beschoß Alexandrien, dieselbe Stadt, in der jetzt der Oberst Nasser den Raub der Suezkanal-Gesellschaft vor einer epileptisch erregten Menschenmenge verkündete.