Von w. Guggenheim

Tel Aviv, Ende Juli

Als UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld am 19. Juli auf dem Flugplatz Lydda eintraf, begrüßten ihn dort ein General und eine Frau: General Burns, UNO-Stabschef in Palästina und Golda Myerson, Israels neuer Außenminister. Vor den Zuschauern rollte die sattsam bekannte Szene ab, die sich immer wieder bei der Ankunft eines fremden Staatsmannes auf einem Flugplatz abspielt: Diplomaten, Militärs, Händeschütteln, Routineansprachen. In Lydda aber hatte dieses Schauspiel einen ganz neuen Akzent bekommen, weil im Mittelpunkt eine Frau stand, im Sommerkleid, die Haare streng nach hinten gekämmt, flankiert von einem General und dem Weltbeamten Nr. 1.

Der erste weibliche Außenminister in einem Land mit parlamentarischer Demokratie fuhr daraufhin mit dem Gast nach Jerusalem hinauf, wo sich Dag Hammarskjöld zunächst einmal für fünf Stunden mit Israels Premier, David Ben Gurion, in einem Zimmer einschloß und über die Situation im Nahen Osten und im israelisch-arabischen Grenzgebiet sprach. Erst am Abend, auf einem Bankett, bekam der Außenminister den Gast wieder zu Gesicht.

Dies charakterisiert deutlich die Stellung Golda Myersons. Zwar ist sie Außenminister und führtdie täglichen Geschäfte, aber der "Boß" ist Ben Gurion. Der Zweck von Außenminister Moshe Sharets erzwungenem Rücktritt war ja, daß "der Alte" (Ministerpräsident Ben Gurion) nun neben der Verteidigungs- auch noch die Außenpolitik in seinen Händen konzentrieren wollte. In der Debatte über Sharets Rücktritt hatte Ben Gurion seinerzeit denn auch erklärt, daß von nun an sich die Außenpolitik den Erfordernissen der Landesverteidigung unterzuordnen habe. Es wäre jedoch falsch, anzunehmen, daß Golda ganz einfach eine vorgeschobene Puppe Ben Gurions sei. Sie gilt allerdings als eine der loyalsten und unbedingtesten Anhängerinnen des israelischen Premiers.

Ihr Leben widerspiegelt die wanderungsreiche Geschichte des jüdischen Volkes in den letzten fünf Jahrzehnten. Geboren in Kiew als jüngste von drei Kindern, wanderte sie mit ihrer Familie im Jahre 1906 nach den Vereinigten Staaten aus. In Milwaukee ließ die Familie sich nieder und dort besuchte Golda Schule und Lehrerseminar. In diesen Jahren kam sie in Berührung mit zionistisch-sozialistischen Gruppen und Jugendbünden, und schon damals reifte der Gedanke in ihr, später nach Palästina auszuwandern. 1921 wurde dieser Plan Wirklichkeit. Sie kam ins Heilige Land und trat getreu ihren Jugendidealen in eine landwirtschaftliche Kollektivsiedlung ein, in Merchavia, im früheren Sumpfgebiet des Emek Jesreel.

Von 1921 bis 1924 zog sie Küken groß und reinigte die Hühnerställe. Offenbar erkannte man sehr schnell, daß in der jungen Frau, die inzwischen geheiratet und zwei Kindern das Leben geschenkt hatte, mehr steckte, als nur eine Hühnerzüchterin. Bereits im Jahre 1924 verließ sie die Landwirtschaft, ging nach Tel Aviv und begann in der Gewerkschaft aktiv zu werden. Sie wurde ins Exekutivkomitee der Histadruth (Gewerkschaft) gewählt, in welchem sie bis 1946 verblieb. Hier hatte sie nun Gelegenheit, ihr Organisationstalent, ihren gesunden Menschenverstand und ihr politisches Verständnis zu zeigen. Denn die Auseinandersetzungen mit den Engländern, die noch das Mandat über Palästina ausübten, und mit den Arabern, verschärft sich immer mehr, ein Kampf, an dem auch die Gewerkschaft ihren Anteil hatte.