S. L., Berlin

Die weißen Sturzhelme unter dem Arm, einen Gladiolenstrauß in der Hand, erschienen in der vergangenen Woche rund dreißig Mitglieder der "Motorrad-Clique" mit ihren "Bräuten‘ auf dem Weddinger Rathaus, um mit Bezirksbürgermeister Mattis und der Jugendstadträtin über die Unruhen zu sprechen, die in den vergangenen Wochen ihr Tanzvergnügen in der Afrikanischen Strafe an Donnerstagabenden ausgelöst hatte. Auf beiden Seiten zeigte man Verständnis für die Sorgen des anderen. Die Jungen selbst regten ein Einschreiten der Verkehrspolizei an, "wenn sich einige von uns die Schalldämpfer ausbauen lassen" und übermäßigen Lärm verursachen; schließlich sei nicht alles, was Lederjacken trüge und Motorrad fahre, ein Halbstarker oder ein Rowdy. Und ein Mädchen fragte entrüstet, warum man immer von "Totenkopf-Bande" spreche, nur weil sie alle Totenköpfe als Abzeichen trügen, die man schließlich auf jedem Rummelplatz statt Blumen schießen könne.

Das Bezirksamt seinerseits stimmte der Ansicht zu, daß junge Leute sich austoben müssen, was in Berlins begrenztem Revier einigermaßen schwierig sei; doch wolle man sehen, den Jungen eine Rennstrecke im Grunewald zu beschaffen. Vorerst einigte man sich darauf, das bisherige Tanzlokal in der Afrikanischen Straße wegen der zahlreich angrenzenden Mietswohnungen zu meiden und einen entlegeneren Treffpunkt zu suchen, für den das Jugendamt auf Behördenkosten eine Tanzkapelle mit "schräger" Musik stellen will. Außerdem erhielten die Jugendlichen eine Anzahl Karten für die Veranstaltung "Fröhliche Razzia am Wedding", die der Sender Freies Berlin auf Anregung einiger Tageszeitungen an der Afrikanischen Straße veranstaltete.

Bei heißer Musik und einem zündenden, wenn auch nicht zu chaotischen Ausbrüchen aufreizenden Kabarettprogramm versammelten sich daraufhin am Donnerstag, dem bisherigen allwöchentlichen "Radautag", rund viertausend Jugendliche vom Wedding und Umgebung zur "Fröhlichen Razzia", bekundeten Applaus mit langgezogenen "Jjjjjja"’s und grellen Pfiffen, verteilten auch Buh’s und höhnisches Gelächter, und bei den populärsten rhytmischen Passagen sprang alles auf die Bänke, die der Begeisterung solide standhielten. Zu Unruhen oder Ausschweifungen kam es nicht. Wer keinen Einlaß gefunden hatte, lagerte auf den Rasenflächen des Parks und hörte sich die Jazzklänge durch Lautsprecher an. Was am Ende knallte und knatterte, waren nur die Raketen des Abschlußfeuerwerks. Die Lederjacken entfernten sich, die Bräute auf dem Soziussitz, in zügigen Kurven bei gedämpftem Geknatter. Weder die Polizei noch der sorglich bereitgehaltene Wasserwerfer brauchten in Aktion zu treten.

So kamen die wochenlangen Unruhen zu einem friedlichen Abschluß, von dem nur einer ausgenommen war: der Wirt des bisherigen Trefflokals der Lederjacken in der Afrikanischen Straße. Er meldete beim Senat Schadenersatzansprüche an.