E. R. S., New York, Ende Juli

Trotz aller Produktionsschwankungen in einzelnen Zweigen der amerikanischen Industrie hat sich das Volumen der industriellen Gesamterzeugung in den vergangenen Monaten bemerkenswert stabil gehalten: Der Produktionsindex des Federal Reserve Board stand im März auf 141 v. H. des Durchschnitts von 1947 bis 1949, im April auf 143 v. H., im Mai auf 142 v. H. und im Juni wieder auf 141 v. H. Nach nur einer Woche Stahlstreik war er aber bereits am 7. Juli auf 137 v. H., d. h. auf das Niveau vom April 1955 zurückgegangen. Zweifellos ist die Produktionsminderung, die hierin zum Ausdruck kommt, das direkte Ergebnis des Stahlstreiks. Im Juni waren die Stahlwerke zu 93 v. H. ihrer Kapazität beschäftigt, danach aber nur noch mit 12 v. H. Einige Stahlfirmen, die außerhalb des Kreises der zwölf stehen, die ihre Betriebe schließen mußten, haben es möglich gemacht, ihre Produktion fortzusetzen. Sonst wäre noch nicht einmal diese geringfügige Erzeugung möglich gewesen.

Schon die ersten drei Wochen des Streiks haben zu einem Produktionsverlust von 6 Mill. t Stahl geführt. Die Stahlarbeiter verzeichneten während dieser Zeit einen Lohnausfall von 150 Mill. Dollar. Und als Folge des Streiks waren rund 125 000 weitere Arbeiter brotlos geworden, die bisher im Kohlenbergbau, bei den Eisenbahnen, im übrigen Beförderungsgewerbe und in der stahlverarbeitenden Industrie beschäftigt wurden.

Wie sich jetzt herausstellt, waren die Stahllager Ende Juni auf insgesamt 20 Mill. t angewachsen, sie waren also größer als im allgemeinen angenommen worden war. Die hiesige Industrie hatte in der Woche etwa 1,6 Mill. t verarbeitet. Daraus ist aber nicht zu schließen, daß die Bestände zur Zeit des Streikbeginns etwa für drei Monate reichen würden. Abgesehen davon, daß die Lager innerhalb der Industrie ganz ungleichmäßig verteilt waren, bestand an bestimmten Stahlerzeugnissen schon seit längerer Zeit erhebliche Knappheit. Darauf ist es zurückzuführen, daß einzelne Industriezweige bereits heute unter den Auswirkungen des Streiks zu leiden haben: Dazu gehört die Erdölindustrie, aber auch die Bauindustrie, die die Aufträge, die sich aus dem riesigen Expansionsprogramm der Industrie ergeben, nur ausführen kann, wenn die dafür notwendigen Stahlerzeugnisse zur Verfügung stehen.

In Anbetracht der Produktionseinschränkungen in der Autoindustrie war man zunächst der Ansicht, daß sich die Auswirkungen des Streiks hier erst verhältnismäßig spät bemerkbar machen würden. Heute heißt es, daß sogar die General Motors Corporation die Stahlknappheit fühlen würde, wenn der Streik sich noch länger hinzieht. Die Lage der hiesigen Autoindustrie hat sich erheblich gebessert. Die Händlerlager an neuen Wagen sind um 200 000 Einheiten abgebaut worden, und niemals hat es während der letzten 12 Monate so wenig gebrauchte Wagen bei den Händlern gegeben wie jetzt. Zudem liegen die Preise der alten Wagen zum Teil über den entsprechenden des Vorjahres. Man nimmt an, daß die 57er Modelle erhebliche Veränderungen gegenüber den Wagen von 1956 aufweisen werden. Daher wird eine neue Belebung des Autogeschäfts erhofft.

Überhaupt ist die konjunkturelle Lage befriedigend, – abgesehen von den Verhältnissen in der Stahlindustrie und von den davon betroffenen Wirtschaftszweigen. Zum ersten Male seit fünf Jahren haben sich die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse gefestigt. Das landwirtschaftliche Gesamteinkommen dürfte in diesem Jahre um etliche hundert Millionen über dem des Vorjahres liegen. Die diesjährigen industriellen Umsätze und Gewinne liegen zum Teil noch über den von 1955, so beispielsweise bei der General Electric Company, deren Gesamtverkäufe während der ersten sechs Monate die der Vergleichszeit des Vorjahres um 17 v. H. überflügelt haben. Die Umsätze im Einzelhandel bleiben hoch, und die Zahl der Beschäftigten hat im Juni mit 66 1/2 Millionen sogar noch die vom August v. J. um eine Million übertroffen. Nach den neuesten Schätzungen erwartet Amerika eine erhebliche Zunahme im Außenhandelsvolumen. Die Ausfuhr soll mit mehr als 16 Mrd. Dollar um 2,2 Mrd. über der des Vorjahres liegen, und die Einfuhr soll über 12,5 Mrd. erreichen. Sie betrug im vorigen Jahre rund 11,4 Mrd. Dollar.

Zur Zeit einer Hochkonjunktur wirken sich Streiks und Produktionsausfälle besonders unheilvoll aus. Es ist daher verständlich, daß mit der längeren Dauer des Stahlstreiks auch die Bemühungen der zuständigen Regierungsstellen zunahmen, auf eine baldige Einigung zwischen Industrie und Gewerkschaftsleitung einzuwirken. Dabei geht es nicht nur darum, einer weiteren Verknappung der von der Industrie verlangten Stahlerzeugnisse vorzubeugen. Seit Monaten ist hier auf die Bedeutung verwiesen worden, die das neue Arbeitsabkommen in der Stahlindustrie für das gesamte Lohnniveau des Landes haben wird. Wenn nun aber die Arbeiterschaft einer Industriegruppe die Neuregelung ihrer Löhne und Arbeitsbedingungen von der Neuregelung in einer anderen – in diesem Falle der Stahlindustrie – abhängig machen will, dann wird sie das tun, selbst wenn sie eine Periode der Arbeitseinstellung mit in Kauf nehmen muß. Sie wird das lieber tun als daß sie Vereinbarungen trifft, die sich hinterher als "unzeitgemäß" herausstellen könnten, wenn man diesen Ausdruck in diesem Zusammenhang gebrauchen will. So scheint es zur Zeit in der Aluminiumindustrie auszusehen. Hier laufen die Arbeitsverträge der Werke, die 75 v. H. des Aluminiums herstellen, am 31. Juli ab. Neue Vereinbarungen sind bisher jedoch nicht getroffen worden.