Es hat den Anschein, als ob sich gegenwärtig leichte Entspannungstendenzen in der Rektion zwischen Güternachfrage und -angebot durchsetzen – mit dieser vorsichtigen Formulierung, die unsere zu Anfang Juni (Nr. 23 der ZEIT, in dem Artikel "Greifen die Bremsen?") ausgesprochene Vermutung bestätigt, beginnt der kürzlich veröffentlichte Junibericht der Nürnberger Bundesanstalt über die Entwicklung der Arbeitsmarktlage. Auf den gleichen Ton sind auch andere Konjunkturberichte gestimmt. Freilich ist die Diagnose nicht überall einwandfrei. Dafür ein Beispiel: Als vor einigen Wochen der Monatsbericht des Bundesministers für Wirtschaft über die Produktionsentwicklung im Mai herauskam, in dem der erheblich verlangsamte Zuwachs der industriellen Erzeugung – plus 3,6 v. H. des Vormonatsstandes, gegenüber plus 10 v. H. Zuwachs von April auf Mai 1955 – betont wurde, konnte man in einem Wirtschaftsblatt folgenden Kommentar hierzu lesen: "Also zeigt der kurz-und langfristige Zuwachs keine weitere ‚Konjunkturüberhitzung‘ mehr ..." Das aber ist aus der Angabe, daß die industrielle Expansion nicht mehr so rasch fortschreitet wie zur gleichen Zeit des Vorjahres, bestimmt nicht herauszulesen! Wieder einmal wird hier deutlich, welcher Unfug mit dem Gebrauch der irreführenden Formulierung "überhitzte Konjunktur" angerichtet werden; kann. Für sich allein betrachtet, besagen irgendwelche Produktionszahlen überhaupt nichts über den Stand der Konjunktur. Um hierüber urteilen zu können, muß man zunächst wissen, ob dem geringeren Zuwachs an Erzeugung – wie er, durch weitgehende Auslastung der Kapazitäten bedingt, nun bei Grundstoffen und Investitionsgütern deutlich hervortritt – nach wie vor eine schneller wachsende Nachfrage gegenübersteht, oder ob auch da ein Wandel eingetreten ist. Das scheint allerdings, seit Jahresmitte immer deutlicher werdend, der Fall zu sein. Und auf Grund dieser Entwicklung läßt sich nun sagen, daß die Übernachfrage allmählich abklingt – Übernachfrage ist der richtige, klare und Klarheit schaffende terminus technicus, an dessen Gebrauch man sich allmählich gewöhnen sollte, in der Erkenntnis, daß die Metapher "Überhitzung" fast stets in die Irre führt. Also: es müssen stets Erzeugung (plus Einfuhr, gleich Angebot ...) und Nachfrage in Beziehung zueinander gesetzt und "gesehen" werden. Falls die Nachfrage über die laufende Erzeugung hinausstrebt, so daß sich Lieferfristen ergeben, die das branchenübliche (und eventuell auch: das saisonbedingte) Maß überschreiten, ist eine Übernachfrage gegeben. Das würde auch dann gelten, wenn der Produktionszuwachs laufend erheblich größer wäre als in irgendwelchen Vergleichsperioden: falls eben die Nachfrage noch stärker als die Erzeugung ansteigen würde. Und umgekehrt bedeutet ein verringerter Zuwachs der Produktion "an sich" noch keine Entspannung, falls die Nachfrage-Expansion anhält: das verlangsamte Wachstumstempo kann vielmehr auf einer Erschöpfung der Reserven (an Arbeitskräften und an "freien" Kapazitäten) beruhen – also gerade ein Symptom der Überbeanspruchung des Produktionsapparates sein!

Die Dinge sind doch wahrhaftig so simpel, daß man hoffen möchte, sie könnten endlich einmal begriffen werden: mit dem Erfolg, daß jene törichten Versuche aufhören, die sogenannte Überhitzung – rede also das Vorliegen einer Übernachfrage und Überbeschäftigung in den das konjunkturelle Gesamtbild bestimmenden Sparten – abzustreiten. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn man Ausschau hält nach irgendwelchen Anzeichen dafür, daß jetzt eine Zurückbildung der Übernachfrage einsetzt. Dafür sprechen also, wie schon erwähnt, gewisse Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt.

Beispielsweise ist die Zahl der Erwerbslosen im Juni "nur" um 60 000 zurückgegangen, gegenüber einer Abnahme von 96 000 im Mai, von 384 000 im April. Das kann durch die Erschöpfung der Reserven an voll-arbeitsfähigen Kräften bedingt sein – es kann aber auch darauf beruhen, daß die Nachfrage nicht mehr so stürmisch ist, wie beim "Aufgehen" der Bausaison. Für die zweite Annahme spricht, daß im Laufe des Juni noch 364 000 Männer und Frauen in Arbeit vermittelt worden sind, gegenüber 356 000 im Mai – jeweils ("nur") 100 000 weniger als in den Vormonaten April und März. Das bedeutet, daß ein erheblicher Teil der Vermittelten bereits anderweitig tätig war und nur den Arbeitsplatz gewechselt hat, während ein anderer Teil aus der Arbeitslosenreserve gekommen ist, ein weiterer Teil aber aus jenen "stillen" Arbeitsmarktreserven stammt, die (neben den registrierten Erwerbslosen) noch vorhanden sind: insbesondere "Schulabgänger", Flüchtlinge aus Mitteldeutschland, dazu Frauen, die bisher nicht erwerbstätig waren. Da von Ende März bis Ende Juni die Zahl der Beschäftigten um 860 000 zugenommen hat, bei einer Abnahme der Erwerbslosenzahl um "nur" 540 000, sind in diesem Zeitabschnitt 320 000 an "Zugängen aus den stillen Reserven" zu verbuchen. Für die Ansicht, daß die Übernachfrage nach (gewerblichen) Arbeitskräften abklingt, spricht auch, daß die Zahl der offenen Stellen im Juni mit 260 000 einigermaßen stabil geblieben ist, während im Mai eine leichte, im April sogar eine fühlbare Abnahme (um 26 000, gleich 9,4 v. H.) zu verzeichnen war.

Regional betrachtet, ist das Verhältnis besonders "günstig" in Niedersachsen und Bayern. Schleswig-Holstein hat (als einziges Land) ein Überangebot an Arbeitskräften. Eine Mittelstellung nehmen die Bezirke Hessen, (südliches) Rheinland und Pfalz ein. Dagegen herrscht in Nordrhein-Westfalen und (zahlenmäßig noch stärker) in Baden-Württemberg eine ausgesprochene Übernachfrage nach (männlichen) Arbeitskräften, insbesondere fehlen Bau- und Metallarbeiter.

Sehr eindrucksvoll, auch als Indiz für die Annahme, daß die Übernachfrage nach (gewerblichen) Arbeitskräften im Abklingen ist, sind die Zahlen über die Italiener-Aktion. Sie zeigen den völligen Fehlschlag der mit soviel Illusionen genährten Pläne, durch "Liberalisierung" der Knappheit auf dem "Sektor Arbeitskräfte" abzuhelfen... Ursprünglich war die Rede von Hunderttausenden, die aus dem Süden geholt werden sollten – vereinbart wurde ein Kontingent von 31 000 Mann, das später auf 33 500 aufgestockt werden konnte. Nach neuesten Zahlen sind jetzt 3500 in die gewerbliche Wirtschaft vermittelt worden, von denen freilich manche ins Hotelfach oder ins Wandergewerbe "abgeschwommen" sein dürften; von den 5500 Landarbeitern sind längst nicht mehr alle an den Arbeitsplätzen, auf die sie ursprünglich vermittelt worden waren: die Abwanderung ist da besonders groß. Ende Juni wurden noch 3200 italienische Landarbeiter verlangt, gegen 5900 zu Monatsanfang. Die Bauwirtschaft hatte Ende Juni, bei insgesamt 46 700 offenen Stellen, einen Bedarf von ganzen 900 italienischen Arbeitskräften! G. K.