Von Werner Helwig

Zu Beginn des Jahres 1945 wurde man in Paris, Genf und Zürich in Erstaunen versetzt durch ein äußerst kühnes Plakat, das an den Litfaßsäulen alle übrigen Reklamebemühungen wirksam übertönte. Es stellte eine weiße unregelmäßige Spirale auf schwarzem Grunde dar und warb für eine Kunstzeitung „Labyrinthe, Journal mensuel des Lettres et des Arts“.

Wer war es, der in diesen hochexplosiven, von Gerüchten durchraunten, von Entsetzen gezeichneten Kriegswochen der Kunst den Vortritt erkämpfen wollte? Der Directeur-Administrateur (wie er sich selber nannte) der ehemaligen Hauszeitschrift der Surrealisten, Albert Skira. Vom „Minotaure“ (1933) zum „Labyrinthe“ (1945) welche Schritte, welche Jahre, welche Entwicklungen! Die schockierendsten Alpträume der Bunuel, Dali, Wolfgang Palen und Max Ernst sind durch die Wirklichkeit bei weitem übertroffen. Der Surrealismus als Vorspuk der Selbstzersetzung der weißen Rasse. Und nun: Gestaltwandel der Dämonen: Der Minotaurus wanderte aus gen Osten, wo er heute noch residiert. Uns blieb das Labyrinth, leer, gähnend – die Frage nach dem Sinn. Und wieder tritt Albert Skira auf den Plan und versucht sie von der Kunst her zu beantworten. Nicht etwa nur von der modernen her, jetzt nimmt er die ganze Kunst zusammen, ordnet sie in seinem (surrealistisch geschulten) Sinne und bietet sie uns dar, von Steinzeit bis Gegenwart, in lackneuen, überaus farbenfreudigen Bänden:

„Die großen Jahrhunderte der Malerei“ – eine Buchreihe im Albert-Skira-Verlag, Genf. Auf deutsch bisher erschienen: „Ägyptische Malerei“ (87,50 DM), „Lascaux“ (71,– DM), „Gotische Malerei“ (87,50 DM) und „Das XV. Jahrhundert“ (87,50 DM).

„Der Geschmack unserer Zeit“ – eine Buchreihe ebenfalls im Albert-Skira-Verlag. Erschienen bisher die Einzelbände „Lautrec“, „Gauguin“, „van Gogh“, „Picasso“, „Piero della Francesca“, „Degas“, „Renoir“, „Cézanne“, „Dufy“, „Fra Angelico“, „Impressionismus I“, „Impressionismus II“, „Manet“, „Goya“, „Greco“ (je 25,60 DM) und „Venedig“ und „Montmartre“ (je 29,20 DM).

„Goya: Die Fresken in San Antonio della Florida zu Madrid“ (78,– DM).

Skira schuf einen neuen Typus Kunstbuch. Seit Jahrhunderten sind das Rechteck des Bühnenraumes und das Rechteck des Gemäldes einander ähnlich. Wahrscheinlich ist es eine beziehungsvolle Ähnlichkeit. Sie entspricht der geometrischen Raumaufteilung, der wir uns unterworfen haben, seit wir aus den runden Höhlen in das kubische Haus übersiedelten. Skira, allen Dingen offen, die eigentlich selbstverständlich sind, schuf das neue, das modische Kunstbuch, ein kantiges Quartformat, und erfand damit eine der Sinnlichkeit des Betrachters besonders schmeichelnde Buchform. Nicht daß sie zum erstenmal da wäre, das Weimarer Bauhaus der Jahre nach dem ersten Weltkrieg versuchte Ähnliches. Doch Skira brachte den surrealen Blick mit ins Geschäft.