Von Hedda Westenberger

Niemand mehr in Italien, der nicht genau über Lascia o raddoppia (Gib auf oder verdopple) Bescheid wüßte. – Der brave grauhaarige Malermeister aus Bari, der sich eines Tages meiner Unwissenheit mit jugendlichem Elan annahm und mir erzählte, wie alles begonnen hat, nannte es enthusiastisch das "Spiel aller Spiele", das die Italiener wie eine Epidemie ergriffen hat. Und für sein Land trifft er damit zweifellos den Nagel auf den Kopf. Denn kaum ein anderes Volk lebt so sehr dem Hang, immer wieder und noch in der hoffnungslosesten Situation an die große, unerwartete Schicksalswendung, an das plötzliche Glück aus heiterem Himmel zu glauben. Und der Daseinskampf des sogenannten kleinen Mannes – häufig übrigens auch des großen bis hinauf zum Politiker – besteht zur Hälfte darin, glückliche Zufälle geschickt und flink auszuwerten, ehe der Nebenmann sie noch als solche erkannt hat, und sie hie und da auch – herbeizuführen: das nennt er "arrangarsi"...

Diese Chance der großen Schicksalswendung bietet ihm Lascia o raddoppia, ein Frage- und Antwortspiel, bei dem der Prüfling, wenn er Glück hat, fünf Millionen Lire gewinnen kann, Nachahmung des amerikanischen Fernsehquiz. "Bedenken Sie, Signora", sagte tief beeindruckt mein Malermeister, "fünf Millionen auf ehrliche und friedliche Weise, ganz ohne trucco ..." (Trick). Dies letztere schien ihm das Unglaublichste an der Geschichte.

Da das Spiel mit einem Einsatz von 2500 Lire anfängt, der sich bei jeder richtig beantworteten Frage verdoppelt, sind es zwölf Fragen, die gestellt und in fünf Etappen beantwortet werden müssen. Für jede Frage sind jeweils 90 Sekunden Bedenkzeit gegeben. Sie werden einem Spezialgebiet entnommen, das-der Prüfling sich selber wählt, und neben landläufigen Themen, wie Geographie und Radrennsport, gibt es auch ausgefallenere, wie Münz- oder Rassenkunde, und absurde, wie kurz und bündig "Schnecken".

"Da heißt es immer, daß wir das Land der Analphabeten sind", sagte flammend vor Genugtuung mein Malermeister, "statt dessen sind wir das Land der originellen Käuze, der geistigen Eigenbrötler. Oder etwa nicht? Und wenn dann so ein Mensch, der gestern noch arm war, den kühnen Versuch wagt, mit seinem eigenbrötlerischen Wissen vor Millionen Augen sein Glück zu machen – was glauben Sie, wie ihm dann Millionen Herzen zufliegen!"

Wenn der Prüfling die erste Hälfte der Fragen und damit auch der immer jäher hinaufschwellenden Preisskala überwunden hat, fällt erstmalig die schicksalsschwere Zwischenfrage: "Lascia – o raddoppia?" Und die erst ist der dramatische Augenblick, wo Millionen Zuschauer in ganz Italien erregt den Atem anhalten; wo jener Nervenkitzel einsetzt, der sich nun von Etappe zu Etappe steigert und in der brennenden Forderung gipfelt, der Prüfling (der für die letzten spitzfindigsten vier Fragen in eine Glaskabine gesperrt wird –) möge doch – o mamma mia, o Santo cielo! – die unerhörte Nervenfolter durchstehen. Er möge nicht aufgeben, um mit einem "lumpigen" Teilbetrag heimgehen zu können, sondern mutig verdoppeln und wieder verdoppeln; kurzum, er möge der Held sein.

"Aber das werden die wenigsten tun...", warf ich mit nordischer Nüchternheit ein. Der Blick, der mich traf, war verächtlich: "Signora – keiner, der nicht aufs Ganze ginge!" – "Doch – einer", korrigierte gewissenhaft der Lehrling, der längst dabeistand. Aber diesen einen, Miserablen, wischte sein Meister mit grandioser Handbewegung beiseite: "Magâri – ein blöder Schullehrer. Soll er mit seiner lächerlichen Million selig werden. Niemand wird je den Kopf nach ihm wenden."