Die Veränderungen im AR des zweitgrößten Kohlenproduzenten der Bundesrepublik, nämlich der Bergwerksgesellschaft Hibernia AG Herne, wirken fast komisch. Der Regierungswechsel in Düsseldorf hat einen Drang des Minister-Nachwuchses in Aufsichtsräte großer Unternehmen des Rhein-Ruhr-Landes zur Folge. Unter dem Motto: "Wer oben sitzt, hat mehr zu sagen", müssen Staatssekretäre ausscheiden, um Ministern Platz zu machen. Glückliche Sorgen gibt es im Lande des Wirtschaftswunders, und die Frage, wie werde ich Aufsichtsratsmitglied, läßt sich durch Verwaltungakt lösen. So ziehen in den AR der Hibernia der Landesarbeitsminister Hemsath von der SPD, der Finanzminister Dr. Weyer und der Wirtschaftsminister Dr. Kohlhase von der FDP ein. Das Vorschaltgesetz von 1951, demzufolge die Länder eine gewisse Mitwirkung in den Aufsichtsräten öffentlicher Unternehmen haben dürfen, sorgt für AR-Wechsel im flotten Ablauf der Koalitionsveränderungen. Als ruhender Pol bleibt der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Dr. Ludger Westrick, AR-Vorsitzer.

Das AK der Hibernia von 300 Mill. DM liegt zu 100 v. H. bei der bundeseigenen Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks AG (VEBA), Hamburg. Dank der gebesserten Ertragslage bei Kohle ist die Dividende von 5 auf 6 v. H. für 1955 erhöht worden. Zugleich wurde vom Vorsitzer des Vorstandes, D.-Ing. Hans Werner von Rewall, mitgeteilt. daß Hibernia mit dem Niederbringen eines neuen Zentralschachtes und dem Neuaufschluß eines Kohlenfeldesbegonnen hätte. Schon 1860, also nach einer erstaunlich kurzen Zeit, werde man aus einer Teufe von etwa 700 bis 750 m täglich rund 8000 t Kohle aus der neuen Anlage herausholen. Der weitere Ausbau auf 12 000 Tagestonnen ist vorgesehen, ferner die Errichtung des u. W. größten Steinkohlenkraftwerks des Kontinents mit 150 000 installierter kW. Die Baukosten der ersten Stufe bis 8000 t werden 60 bis 70 Mill. DM erfordern, der weitere Ausbau benötigt nochmals 30 bis 40 Mill., das Kraftwerk etwa 60 Mill. DM. Das bewilligte Investitionsprogramm für die nächsten fünf Jahre sehe 200 Mill. DM vor. Zur Finanzierung dienen Abschreibungen, die jährlich mit etwa 50 Mill. DM zur Verfügung stehen. Fernerhin habe der AR den Vorstand ermächtigt, Fremdkredite bis zu 60 Mill. DM aufzunehmen, so daß also das sich aus der Bilanz ergebende unausgenutzte Kreditplafond des Unternehmens zu etwa 50 v.H. in Anspruch genommen würde. Seit der Währungsreform hat das Werk für 400 Mill. DM investiert, davon 425 Mill. DM aus eigenen Mitteln. Der Erfolg liegt nicht nur in einer Ertragssteigerung, in der Rentierlichkeit der Veredelungs- und Chemiebetriebe, sondern auch in einer absoluten Erhöhung der Kohlenförderung und Kokserzeugung. So hat Hibernia jetzt mit 10,8 (10,6) Mill. t Kohlenförderung 8,9 v. H. Anteil an der Ruhrkohlenförderung und 110 v. H. des Standes von 1938 erreicht. Die Förderung könnte um weitere 10 v. H. höher liegen, wenn Arbeitskräfte vorhanden wären. Der Gesamtumsatz der Gruppe einschl. der mehr als 50 v. H.-Beteiligungen hat sich auf 1,4 (1,3) Mrd. DM gehoben. Hibernia selbst meldet einen Umsatz von 731 (680) Mill. DM, wovon 507 (476) auf Kohle, Koks, Briketts, 133 (125) auf Chemie und 47 (38) auf Energie entfallen.

Zum Fall Emscher-Lippe, also dem Kaufangebot von Phoenix-Rheinrohr auf 50 v.H. des 30 Mill. DM betragenden AKs zum Kurse von etwa 200 v. H., erklärte die Verwaltung lediglich, daß dieses Kaufangebot wohlwollend vom AR geprüft werde; ein Entscheid läge noch nicht vor, würde aber bald erwartet. Der Erlös dieses Verkaufes würde jedenfalls, so glauben wir sagen zu dürfen, die Durchführung der großen Investitionsvorhaben bei der Hibernia erleichtern.

Im Portefeuille der Hibernia liegen außerdem 25 v. H. Anteil an 120 Mill. DM AK der Chemische Werke Hüls AG und 25 v. H. an 3 Mill. Kapital der Phenolchemie GmbH, Gladbeck, 100 v. H. von 40 Mill. AK der Scholven-Chemie AG, Gelsenkirchen; 100 v. H. an 30 Mill. AK der Emscher-Lippe Bergbau-AG, Datteln; 89,2 v.H. an 20,4 Mill. AK der Fendel Schiffahrts-AG, Mannheim; 99 v. H. an 15 Mill. Kapital der M Stromeyer Lagerhausgesellschaft, Mannheim; 88,05 v. H. an 7 Mill. DM AK der Oberbayerische AG für Kohlenbergbau, München; 50 v. H. von 8 Mill. DM Kapital der W. Ruhenstroth GmbH, Gütersloh und 94,6 v. H. von 1000 Kuxen des noch unverritzten Feldes der Gewerkschaft Deutscher Kronprinz, Recklinghausen.

Die konsolidierte Bilanz der mehr als 50v. H.-Beteiligungen sieht ein Anlagevermögen von 994 Mill. DM vor. Es ist die erste konsolidierte Bilanz von Hibernia, die bekanntgegeben wird. Beteiligungen sind mit 76 Mill. DM aktiviert, das Umlaufsvermögen mit 385 Mill. Andererseits Rücklagen (Hibernia) 443, Rücklagen der Konsolidierten 79, 7c- und 7d-Wertberichtigungen 68, Rückstellungen 199 und Verbindlichkeiten 340 Mill. DM, davon Warenschulden 58, Akzept- und Bankschulden 166 Mill. DM. Rlt.