Paris, im Juli

Ein leichter Schock wirkt manchmal wie eine Erlösung, besonders dann, wenn – wie stets während der Christian Dior-Kollektion der zweihundert Herbst- und Wintermodelle 1956/57 – Nerven und Erwartungen aufs höchste angespannt sind. Unvorbereitet und ohne vorherige Warnung sah man: Sechs Kleider mit knöchellangen Röcken, die die Silhouette grundlegend umformen. Dior betrachtet diese langen Röcke, die zweifellos die Verwirklichung eines seiner Wunschträume sind, einstweilen noch als ein Intermezzo, von dem er selbst sagt, daß es losgelöst von der Gesamtheit der Modevorführung zu betrachten sei. Aus Tweed, grober Wolle oder Samt, in der Taille leicht gefaltet oder angekraust, wirken sie wie verfeinerte Bauernröcke und es dauert ein Weilchen, bis sich selbst das modegeschulte Auge an das bizarre Bild gewöhnt. Es ist, als ob der Schneider, der auf der ganzen Welt keinen Konkurrenten hat, uns eine bittersüße Medizin tropfenweise einzugeben versucht und unter Umständen bereit ist, sie – wenn wir sie nicht schlucken können –vorläufig noch auf Eis zu legen.

Daß jedoch der Trend zum längeren Rock in der Luft liegt und durchaus kein leerer Wahn ist, zeigt die Koinzidenz mit einer Serie ebenfalls knöchellanger Rock- und Kleidgebilde, die in der Kollektion von Jacques Heim auftauchen: schmal, gerade und daher notwendigerweise hoch geschlitzt, verzichten diese auf den rustikalen Einschlag und erinnern vielmehr an das Rockbild der Jahre 1912 bis 1913, wo das beim Trippeln zum Vorschein gelangende Bein noch den Reiz der Neuheit und daher ein Plus an Sex Appeal besaß. Ob im Jahre 1957 die moderne Frau bereit ist, ihre Bein- und Bewegungsfreiheit zugunsten einer pikanten Laune aufzugeben, ist fraglich.

Diors Motto vom Triple-Magneten ist nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen, wie es den Anschein hat. Man stelle sich drei hufeisenförmige Magneten verschiedener Größe vertikal angeordnet vor: der kleinste – an der Spitze befindliche – wird durch den hohen, topf-, terrinen- oder papierkorbförmigen Hut gebildet, der fast die Augenbrauen berührt. Der mittlere bezieht sich auf die obere Körperhälfte mit abgerundeter Schulter und schmaler Taille, der dritte wird durch den stoffreichen Rock gebildet, der in Hüfthöhe sein größtes Volumen hat und sich nach unten zu verjüngt. Dieser "magnetische" Grundriß zieht sich konsequent durch die ganze Kollektion: Jacken, Capes und Mäntel, Tageskleider, Cocktailtoiletten und selbst einige Abendgewänder lassen seine Spuren deutlich erkennen. Das Resultat ist eine weiche, allem Eckigen und Kantigen abholde Linie: Büste, Taille und Hüften kommen ohne Einzwängung, aber auch ohne Übertreibung zur Geltung.

Jackenschöße sind noch ein wenig kürzer geworden: sie enden da, wo die Hüft- oder Frontdrapierung des Rockes beginnt. Denn der auf den Körper gemeißelte Etuirock ist kaum noch anzutreffen: er ist durch den fälligen Rock ersetzt worden. Die Kragen der Jackenkleider sind bescheiden und naiv. Anspruchsvoll dagegen und von großem Einfallsreichtum sind die Einsätze der Ärmel, die oft an eine breite Schulter-Passe angeschnitten sind. Raffinierte Ärmel-Montage ohne Nähte oder mit Nähten dort, wo man sie am wenigsten erwartet, ist zu einer Kunst entwickelt, die die Konfektion nicht nur wegen des großzügigen Stoffverbrauchs vor nicht leicht zu lösende Aufgaben stellt.

Wenn der Kostümrock nicht durch ein spenzerähnliches Oberteil zu einem richtiggehenden Kleid ergänzt wird, so begleitet ihn die "angezogene" Bluse ... aus gefaltetem oder drapiertem Chiffon oder aus schmiegsamem Glacé- oder Schwedenleder, während zur Jacke meist ein Cape, ein Paletot oder eine Kombination von beiden gehört.

Capes für jede Tageszeit und aus den verschiedensten Stoffen folgen der Hufeisenform und werden als Saison-Neuheit herausgestellt. Lose Mäntel für den Tag und für den Abend sind eigentlich eine Kreuzung von Cape und Mantel, die man zu Großmutter! Zeiten als "Umhang" bezeichnet hätte.