Kümenen kala!" riefen mir der braunschopfige Vekko und die flachsblonde Sirkka zu, als ich wieder einen zappelnden Braxen von der Legangel löste. Zehn Fische (kümenen kala) hatten wir schon gefangen, zwei davon groß genug für ein Abendessen. Wir fischten von einem kleinen Boot aus, das Vekko vorsichtig an der Legangelschnur entlangruderte, während Sirkka die Beute verstaute.

Als ich von Hamburg aus in die Ferien nach Finnland fuhr, hätte niemand gedacht, daß ich drei Tages später den zehnten Fisch aus "meinem See" herausholen würde, und niemand hatte so recht verstanden, was mich nach Finnland zog, noch dazu in den ostkarelischen Teil. Mir selbst war auch ein wenig sonderlich zumute bei dem Unternehmen. Bei allen Ferienplänen lockt der sonnige Süden, das ist bei Norddeutschen fast selbstverständlich. Zwischen der Costa brava, der dalmatinischen, italienischen oder französischen Riviera, wimmelt es nur so von nordischen Touristen. Ich aber wollte Ruhe haben, wenn möglich Sonnenschein, mitternächtlichen sogar, und Gelegenheit zum Schwimmen,

Willkommen nach Finnland – so freundlich, wenn auch grammatikalisch frei, war der Prospekt überschrieben, der mir eindringlich die Schönheiten eines Landes pries, von dem ich kaum, mehr wußte, als das es dort viel Wald, viel Wasser, viele Steine, Rentiere, Bären und Saunas gäbe.

Zuerst machte ich einen Rundgang durch Helsinki, das sich würdig, hell und freundlich präsentierte, mit breiten Straßen, geschäftigen Menschen und dem lustigen Anblick einer Radfahrerkompanie des finnischen Militärs. Dann brachte mich die Eisenbahn in den Osten des Landes. Noch nie hatte ich so hellgrüne Wälder gesehen, Birken und Kiefern im Sonnenschein. Aber je heller und freundlicher die Landschaft wurde, desto schwärzer wurden die Reisenden: Die finnische Lokomotive, mit Holz geheizt, schickte immer frische Rußflocken. Aber auch die längste und rußigste Bahnfahrt nimmt ein Ende. Was mich mit Besorgnis erfüllte, war allerdings die Tatsache, daß ich das Wort "Bedarfshaltestelle" im Wörterbuch nicht finden konnte. Von einer solchen Haltestelle hatte ich gehört: dort mußte ich aussteigen. So hielt ich unentwegt dem freundlichen Schaffner meine Fahrkarte vor, und wirklich kam er, als die Aufschrift eines Holzhauses draußen mit der meines Billets übereinstimmte, und wies mich freundlich zur Tür hinaus. Von der Bedarfshaltestelle war es noch ein Weg von zwei Stunden – durch die hellen Wälder, bis "mein See" sich vor mir leuchtend ausbreitete.

Finnland hat so viele Seen – was hat es für einen Sinn, Zahlen hinzuschreiben. Wer kann sich unter "tausend Seen" etwas vorstellen, oder sieben- oder gar siebzigtausend? Ich stand an meinem See und liebte ihn auf den ersten Blick. Später, als ich ihn auf Landkarten wiederfinden wollte, war sein wunderlicher Name nirgendwo verzeichnet. Alle Seen in Finnland heißen Järvi. Aber ich möchte immer nur und immer wieder in dem grünen Wasser meines Järvi schwimmen und mich sonnen auf einer seiner kleinen Felseninseln. Deren gibt es neunzig in diesem See, und keine ist bewohnt. Sie sind Heimstatt vieler Vögel, aber wenn man sich lange genug auf die Lauer legt, kann man auch den Auerhahn und den Elch beobachten,

Auf einem kleinen Hügel liegt "das Haus". Ein Holzhaus, in dem zusammen mit dem Vater, der Mutter und den Kindern der finnischen Familie, mit Mägden und Knechten den Sommer lang ein paar Menschen leben, die sich von der Großstadt erholen wollen. Die Knechte haben einen kleinen Steg gezimmert, von dem man nach der Sauna ins Wasser klettert oder sich in eines der Boote setzt und hinüberrudert zur Buckelinsel oder zur Schafsinsel, vielleicht auch ein paar Kilometer weit zur Naseninsel oder zur Kaffeeinsel. Wenn man tagsüber draußen bleiben will, holt man sich im Haus einen Eimer mit allem, was man auf den Inseln braucht: Kartoffeln und Knäckebrot, Butter, Kaffee und Zucker, Zeitungspapier und Streichhölzer. Der Kupferkessel liegt schon im Boot, und so fährt man hinaus, um auf "fernen" Inseln große Feuer anzuzünden und Kaffee zu kochen. Freilich, auch einen Puko muß man haben: ein kleines, gebogenes Messer, ohne das man schwerlich die Birken entrinden könnte. Und ohne Birkenrinde kann man schlecht. Feuer machen. Ohne den Puko könnte man auch den frischgeangelten Fisch nicht ausnehmen, der – tüchtig gebuttert und fest in Papier gewickelt – ins Feuer gelegt wird, zusammen mit den Kartoffeln. Während man schwimmen geht oder über die Insel streift, wird das Essen fertig. Zum Nachtisch sucht man sich Waldbeeren aller Art und fühlt sich als Nachfahre Robinson Crusoes im 20. Jahrhundert sehr glücklich.

Aber auch für die Kinder der Zivilisation, die in den Ferien ihr Wannenbad und andere Bequemlichkeiten nicht missen wollen, hat Finnland alles bereit. Ich allerdings habe meinen See nur einmal verlassen. Da geriet ich in eines der schönsten Touristenhotels, das man sich vorstellen kann. Auch dort gibt die Ruhe der Wälder, der Goldglanz der Seen und die Freundlichkeit der Finnen dem Ferienreisenden friedliches Geborgensein,

"Willkommen nach Finnland" – man sollte dem fremden Klang dieses Lockrufes Gehör schenken. Näkemiin heißt: "Auf Wiedersehen" ... Näkemiin, mein See! Hannelore Goebel