Gewisse Ergebnisse in der deutschen Osteuropaforschung erwecken den Eindruck, als seien sie mit einem Seitenblick auf den "Reptilienfond" und die antibolschewistischen Gefühle derer, die diesen Fond verwalten, geschrieben worden. Ein betrübliches Beispiel dafür ist eine von der Arbeitsgemeinschaft für Osteuropaforschung in Tübingen herausgegebene Schrift von

Werner von Schrift "Die Sowjetunion, Finnland und Skandinavien", 1945–1955, zwei Berichte zu den internationalen Beziehungen der Nachkriegszeit, 67 S., 8,– DM.

Obwohl auf dem Titelblatt auf die Ereignisse von 1945 bis 1955 hingewiesen wird, beginnt der Autor – durchaus folgerichtig, weil für das Verständnis der folgenden Ereignisse unerläßlich – mit einer kurzen Schilderung der Ursachen, des Ausbruchs und des Verlaufs des ersten finnischrussischen Krieges. Dabei übergeht er solche peinlichen, aber interessanten Details, wie die Tatsache, daß Jagdflugzeuge, die Mussolini den Finnen geschenkt hatte, auf Hitlers Befehl in Deutschland festgehalten wurden und die Unterstützung sowjetischer Forderungen auf einen Zugang zur Nordsee bei Narvik quer durch Finnland, Nordschweden und Norwegen (!) durch eine deutsche Zeitung (die Berliner "Nachtausgabe"). Diese Auslassungen mögen auf Platzmangel zurückzuführen sein. Aber kein Platzmangel entschuldigt die wahrheitswidrige Behauptung, daß auch dem zweiten finnisch-russischen Krieg, ein russischer Angriff vorausgegangen sei. Kein Finne wird das heute behaupten. Er wird höchstens sagen, und das läßt sich, zwar nicht völkerrechtlich (denn der erste Krieg endete mit einem regelrechten Friedensschluß), wohl aber gefühlsmäßig und politisch rechtfertigen, daß der zweite Krieg "eine Fortsetzung des ersten" war. Die finnische Regierung hatte den deutschen Armeen den Durchmarsch durch Finnland gestattet. Wenige Tage vor der finnischen Kriegserklärung (wegen angeblicher sowjetischer Grenzverletzungen), versicherte mir der sowjetische Gesandte in Helsinki, Orlow, obwohl die Kampfhandlungen zwischen Deutschen und sowjetischen Truppen längs der finnischen Grenze schon seit Tagen im Gange waren, allen Ernstes, die Beziehungen zwischen Finnland und der Sowjetunion seien "völlig korrekt". Auch Mannerheims Tagesbefehl, worin es hieß, Finnlands Armee habe die Grenze überschritten, um die "karelischen Brüder" zu befreien, erwähnt der Autor mit keinem Wort. Nach seiner Darstellung trat "die Rote Armee am 25. Juni auf breiter Front zum Vormarsch gegen Finnland an". – Peinlich zu denken, daß ein Sowjethistoriker, wenn ihm eine Schrift wie diese in die Hände fällt, den Kopf schütteln und sagen wird, das ist ja genauso wahr wie ein Kapitel aus einem sowjetischen Geschichtsbuch – unter Stalin. Der Unterschied ist nur, daß die deutsche Geschichtsbeschreibung einen Ruf zu verlieren hat, die stalinsche dagegen nicht, g. u.