Es ist kein Fehler, wenn man nicht genau weiß, wo das Fichtelgebirge liegt. Peinlich wird die kleine Bildungslücke erst dann, wenn man nicht weiß, daß es sich als Geburtsstätte namhafter Flüsse – Saale, Main, Eger und Naab – einen Namen macht und zwei Meere kulant mit Wasser bedient. Auf diesem grünen Dach Mitteldeutschlands wimmelte es ehedem nur so von Touristen und Sommerfrischlern. Jeder zweite kam aus Sachsen, jeder dritte aus dem Egerland. Eines Tages allerdings würde die Welt mit Eisenblechen zugeschweißt und die Schönheiten dieses nordöstlichen Oberfranken waren an den Rand geschrieben, an den Zonenrand.

Und heute wimmelt es wieder. Vor allem im Juli und August. Aber nicht die Sachsen sind da, sondern neben Bayern, Rheinländern und Hamburgern auffallend viel Berliner. Sie scheinen den Norden und Osten Bayerns "entdeckt" zu haben und ihrer Sehnsucht nach dem Riesengebirge ein Äquivalent bieten zu wollen. Wenn man im Hochsommer auf vorbildlich gepflegter Straße, der Hauptschlagader des ganzen Gebiets, von Bad Berneck (nahe Bayreuth) mit einem der Omnibusse nach Wunsiedel fährt, links am Ochsenkopf vorbei und am Schneeberg, dem 900 m hohen Chefgipfel, läßt die lebhafte Majorität der jeweiligen Fahrgäste beinahe auf einen Bummel durch die große Stadt an der Spree schließen. Nur, daß die Haltestellen nicht Halensee, Uhlandstraße, Gedächtniskirche oder Wittenbergplatz heißen, sondern Bischofsgrün, Sanatorium, Goldkronach und Warmensteinach – und daß nicht Häuser die Route säumen, sondern Tannen und Fichten.

A propos! Fichtelberg nicht zu vergessen: mit seinem Waldsee und dem herrlichen Blick zur doppelhöckerigen Kösseine und zum Höhenzug Luisenburg, wo nicht nur erstklassige Schauspieler, nein, auch gigantische Felsen (ohne Defizit) Theater spielen. Schade, daß das versteckte Alexandersbad trotz seiner Heilquelle seit Jahren in so tiefem Schlummer liegt. Was ließe sich – ohne nun gleich ein Weltbad zu planen – daraus machen!

In der Zeit vom 1. Oktober 1954 bis 30. September 1955 will man im Fichtelgebirge 150 718 Gäste gezählt haben, wobei die Summe aller Übernachtungen das sechste Tausend überschritten hat. Keine überwältigenden Zahlen, aber jene Gäste suchen ja auch keine Superlative – weder das Nordlicht noch die Pyramiden. Sie suchen Ruhe und Erholung und den vielgerühmten Ozon. Sie suchen Beeren und Pilze, den Sonnenschein, Glühwürmchen und Leuchtmoos und das Forellenessen in Weißenstadt.

Und die finanzielle Seite des Fichtelgebirgsabenteuers? Die Preise werden hier nicht vom Wirtschaftswunder diktiert, sondern tragen, wie die Reisebüros jederzeit gern bestätigen werden, Wohl- und Wenighabenden gleichermaßen Rechnung. Grund genug, den bayerischen Randgebieten immer mehr Gönner zu gönnen, die von Ministern und Staatssekretären zugesagten Kreditaufbesserungen flüssig zu machen und den Wettergott zu bitten, jedem unvermeidlichen "Azorentief" ein möglichst hohes, eventuell dreimaliges "Hoch" folgen zu lassen. Dem prominentesten Gast, dem Bundespräsidenten Heuss, der vor einigen Jahren im Bayerischen Wald seine Ferien verbrachte, sind inzwischen einige andere, fast ebenso prominente gefolgt. Sie haben allen unterentwickelten Grenzgebieten im Osten und Norden Bayerns einen großen Gefallen erwiesen: auch der Rhön, dem Coburger Land, dem Frankenwald, dem Oberpfälzer Wald und – dem Fichtelgebirge. Wilhelm Korn