Publizisten der Sowjetzone führen immer wieder Klage darüber, daß es zwischen den beiden Teilen Deutschlands einen breiten Literaturaustausch nicht gibt und machen die Bundesrepublik für diesen Zustand verantwortlich, da in Westdeutschland sowjetzonale Autoren fast gar nicht mit ihren Büchern auf dem Markt erscheinen und auch die literarischen Zeitschriften der Bundesrepublik Beiträge von Schriftstellern aus der "DDR" nicht publizieren. Auf der andern Seite, so stellt man drüben fest, sei erwiesen, daß viele Verlage der Sowjetzone Werke von westdeutschen Schriftstellern veröffentlichen und sowjetzonale Zeitschriften, wie die Neue Deutsche Literatur und Sinn und Form, laufend publizistische und belletristische Beiträge von Autoren aus der Bundesrepublik bringen.

Das klingt logisch, die Fakten sind nicht widerlegbar, und doch ist das Problem des ost-westlichen Literaturaustausches weit komplizierter, als es nach diesen schlichten Feststellungen von sowjetzonaler Seite den Anschein hat. Jeder Austausch beruht auf einem gewissen Ausmaß an Gegenseitigkeit, die aber kaum zu wahren ist, weil das Verlagswesen im Westen eine ganz andere Struktur als das im Osten aufweist. Im Westen ist alles der privaten Initiative der Verleger überlassen, die eine Einmischung des Staates in ihre Verlagstätigkeit überhaupt nicht kennen. In der Sowjetzone ist die Verlegertätigkeit der verstaatlichten und der wenigen noch privaten Verlage nur insofern noch selbständig, als sie mit der Kulturpolitik des Staates übereinstimmt. Diese kulturpolitische Leitlinie des Staates ist auch im Literaturaustausch mit Westdeutschland überall zu erkennen und dokumentarisch zu belegen. Man kann sie etwa auf folgende Formel bringen: Unsere Sowjetzonenverlage veröffentlichen nur solche Bücher und Beiträge westdeutscher Autoren, die das Leben in der Bundesrepublik in irgendeiner Weise negativ behandeln, so daß die Veröffentlichung für uns ein propagandistisches Plus bedeutet.

Möglicherweise wird man einwenden, daß diese Formel den Tatbestand simplifiziert. Aber das ist keineswegs der Fall. Es läßt sich bis ins einzelne nachweisen, daß die angegebene Formel sich genau mit dem Tatbestand deckt. Man blättere doch nur einmal die Zeitschrift Neue Deutsche Literatur, die am nachhaltigsten für den Literaturaustausch eintritt, gründlich durch und möglichst zwei bis drei Jahrgänge zurück. Man wird dort immer wieder auf die gleichen Namen "nonkonformistischer" westdeutscher Schriftsteller, wie Heinrich Böll, Wolf gang Koeppen, Günther Weisenborn, Hans Hellmut Kirst, Leonhard Frank stoßen.

Man mißverstehe mich nicht: ich halte den Konformismus für eine Tugend des Schriftstellers, Aber mit dieser Feststellung beginnt auch bereits die Problematik eines west-östlichen Literaturaustauschs. Denn wenn er, wie wir sagten, auf Gegenseitigkeit beruhen soll, so mangelt es doch, wie jedermann weiß, an den nonkonformistischen Autoren der "DDR", deren Produkte für westdeutsche Verlage und Zeitschriften interessant sein könnten. Hier liegt der literarische Hund begraben. Es gibt einfach keine Nonkonformisten in der Sowjetzone.

Wir wollen damit sagen, daß die Sowjetzone selbst daran Schuld trägt, wenn keine Bücher ihrer Schriftsteller in Westdeutschland veröffentlicht werden. Würde man "drüben" zulassen, daß sowjetzonale Autoren mit dem gleichen Freimut über die Verhältnisse in der "DDR" schreiben, wie etwa Koeppen und Böll über das Leben in Westdeutschland, dann würden ihre Bücher auch für das westdeutsche Publikum und damit auch für die Verleger der Bundesrepublik "interessant" werden. Leider ist nicht zu erwarten, daß Johannes R. Becher einen so instruktiven und kritischen Roman über das Leben in einem Kriegsgefangenenlager in Rußland schreiben wird, wie das Hans Werner Richter mit seinem Roman "Die Geschlagenen" über ein amerikanisches Gefangenenlager getan hat.

Die Klagen von sowjetzonaler Seite darüber, daß die Bundesrepublik so gut wie gar keine Werke von Autoren der östlichen Seite druckt, sind also unberechtigt. Man kann schließlich nicht im Westen einen Staatsverlag eigens zu dem Zweck gründen, Bücher von sowjetzonalen Schriftstellern zu veröffentlichen, die nachher niemand lesen will. Schließlich gibt es doch auch sozialistische und kommunistische Verlage in der Bundesrepublik, die niemand daran hindert, solche Bücher herauszubringen. Wahrscheinlich tun sie es nicht, weil sie nicht à fonds perdu wirtschaften wollen.

Solche Sowjetzonenautoren, die das westdeutsche Publikum zu lesen wünscht, werden auch in der Bundesrepublik gedruckt. Es sei nur an Ehm Welk erinnert. Hier bedarf es weder privater noch staatlicher Nachhilfe. Und der berühmteste in der Zone wohnende Schriftsteller, der zudem den Westen am stärksten politisch herausfordert, Bertolt Brecht, kann sich über Publizität in der Bundesrepublik nicht beklagen.

Wie man sieht, am Westen liegt es nicht, wenn der ost-westliche Literaturaustausch bisher wenig imposant ist. Erst müssen im Osten interessantere Bücher geschrieben werden, dann wird sich der Westen auch nicht mehr sträuben, sie zu lesen, p.-em