Die weltpolitische Entwicklung zeigt den Abbau der militärischen Sicherheitsapparate der Großmächte. Die Zeichen der Zeit stehen auf Abrüstung." Der so sprach, war Dr. Heinemann, Vorsitzender der Gesamtdeutschen Volkspartei; er sprach in Hamburg auf einer Versammlung, die ein langes Motto hatte: "Die Politik der Stärke hat versagt! Was nun, Herr Bundeskanzler?" Etwa 600 Gäste waren erschienen: Träumer, Spötter, Fanatiker und Witzbolde. Sie hörten die Rede mit viel Aufmerksamkeit an. Dann folgte – nein, keine Diskussion, sondern eine Fragestunde, in der der Parteivorsitzende sich genügend Zeit nahm, die Antworten zu präparieren.

Die ersten Fragen: "Wie verhält sich die Gesamtdeutsche Volkspartei in Hinblick auf die verlorenen Ostgebiete? Kommt für sie ein Zusammengehen mit der KP in Betracht?" – Vorn am Vorstandstisch wird notiert. Eine andere Frage: "Wie steht die GVP zur weltanschaulichen Durchdringung ihrer Partei?" – Die politischen Leidenschaften erwärmen sich spürbar. "Was sagt die GVP zur Volkspolizei?" Plötzlich passiert der erste Zwischenfall...

Ein Mann, der sich als Ostzonenflüchtling zu erkennen gibt, springt auf. "Ich bin mit Herrn Dr. Heinemann in der Ostzone mehrmals zusammengekommen. Damals ist er mit einem Dienstwagen der Nationalen Front umhergefahren und hat erklärt, die Errungenschaften der DDR seien nicht mehr abzuschaffen." – Heinemann erhebt sich: "Ich fordere Sie auf, Ihren Namen zu nennen!" Tumult. Leidenschaftliche Zwischenrufe: "Tu das nicht, die Russen verschleppen dich!" Eine andere Stimme ruft: "Schwindler!"

Inzwischen haben sich die bisher gut getarnten Saalordner der Gesamtdeutschen Volkspartei zu erkennen gegeben und postieren sich drohend. Sechs Mann, einer mit Gummiknüppel. "Verschwinde, du Lump! Wer hat dich bezahlt?"

Aber der Diskussionsredner greift mildernd ein: "Meine Herrschaften, wir befinden uns in einer demokratischen Versammlung." Und den Zwischenrufen, den seine Mannen soeben noch "Lump" titulierten, ermahnt er: "Ich möchte den Herrn bitten, die Orte zu nennen, die Dr. Heinemann besucht haben soll." – "Schwerin und Ludwigslust." – Dr. Heinemann: In den genannten Orten bin ich nie gewesen!"

Nur langsam stellt sich die Ruhe wieder her. Ein ausländischer Student meldet sich zum Wort und entwickelt eine kuriose Theorie: Das besiegte deutsche Volk werde von einem Regierungschef geleitet, dessen Politik den Haß an Deutschland verrate. "Die Deutschen sollten sich eine neue Heimat suchen. Denn sie sind erobert worden, und Eroberer geben ihre Eroberungen niemals zurück. Am besten", so" argumentiert er vor einem Publikum, das vor Lachen kaum noch an sich halten kann, "wäre es, wenn die Deutschen tauschten: die Ostgebiete gegen ein Stück von Nordrußland. Ja, ich meine: Tauschen, denn die Russen geben die Ostgebiete nicht mehr heraus. Die Deutschen müssen also eine neue Heimat finden." Ist es die Freude am Jux oder die Höflichkeit gegenüber dem ausländischen Sonderling: seine Äußerungen erhalten den meisten Beifall an diesem Abend. Von da ab findet die Heiterkeit immer wieder neuen Zündstoff.

Eine ältere Frau steigt nach vorn, um gegen die Atomkraft zu reden, auch gegen deren friedliche Verwendung. "Wir sind alle radioaktiv verseucht. Das muß endlich aufhören!" Gelächter. Der Diskussionsleiter hat Mühe, der Versammlung klar zu machen, daß die Sprecherin es ernst meine.