Mit wohltönenden Mahnungen, ernsten Vorwürfen und erhobenem Zeigefinger versuchen die Verantwortlichen des Staates, den Preisauftriebstendenzen Einhalt zu gebieten. Unsere einkaufenden Hausfrauen mußten aus dem Munde des Bundeskanzlers den leisen Vorwurf hinnehmen, daß sie nicht "genügend mit dem Pfennig rechnen", während Bundes- und Länderminister mal der Industrie und mal dem Handel die Absicht in die Schuhe schieben, ihre Preise klettern zu lassen.

So berechtigt einerseits diese Bemühungen sind, muß man ihnen doch andererseits das immer noch gültige Sprichwort entgegenhalten: "Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen." Ist es nicht in vielen Fällen der Staat und seine Bürokratie, die dem Bürger vermeidbare Kosten oktroyieren? Man denke nur an die jetzt ausgebrodiene Hochkonjunktur bei den Nummernschildern der Kraftfahrzeuge. Westdeutschlands Fahrzeughalter haben sich von Dr. Seebohm zwingen lassen, für die Neueinführung der Nummernschilder Gebühren in Kauf zu nehmen, die neben den Blechkosten 4 DM bei Wagen und Anhängern und 2,50 DM bei Krafträdern zuzüglich weiterer 50 Pf als Stempelgebühr betragen. Es sind 26 Mill. DM, die die Kraftfahrzeugbesitzer bei dieser Aktion für das Staatssäckel berappen müssen, obgleich feststeht, daß sie an der neuen Beschilderung völlig schuldlos waren, denn schließlich hatten wir bereits in der wilhelminischen Ära die praktischen und sinnvollen schwarzen Buchstaben und Zahlen auf weißem Grund. Es blieb den Besatzungsmächten vorbehalten, uns 1945 zu "beweisen", daß wir bislang alles falsch gemacht hatten; dafür muß jetzt der bundesrepublikanische Kraftfahrzeugbesitzer in den Geldbeutel greifen...

Aber noch ein weiterer Fall sei hier erwähnt, aus dem klar und deutlich hervorgeht, wie rücksichtslos staatliche Institutionen ihre Gebühren über Gebühr erhöhen. Der sprichwörtlich "günstige Wind" hat uns zwei Rechnungen der Landesversicherungsanstalt Westfalen auf den Redaktionstisch geweht; die eine trägt die Jahreszahl 1953 und die andere ist im März 1956 ausgestellt. Noch 1953 erhielt der Landesprüfer für die Prüfung einer Betriebskrankenkasse je Tag 50 DM, während dem Hilfsprüfer 30 DM zustanden. In diesem Jahr haben sich aber die Prüfgebühren für den Herrn Landesprüfer urplötzlich auf 90 DM und für den Hilfsprüfer sogar um 100 v. H. auf 60 DM je Tag erhöht. Wie gewaltig der Papierkrieg der "geprüften" Betriebskrankenkasse angewachsen sein muß, geht daraus hervor, daß der Landesprüfer 1953 mit einem Arbeitstag (zu 50 DM) auskam, in diesem Jahr aber fünf Tage zu je 90 DM brauchte.

Wo gibt es dafür ein Beispiel in der freien Wirtschaft? Jedes Unternehmen, das nach den einnahmefreudigen Grundsätzen dieser Landesversicherungsanstalt arbeiten würde, ginge wohl über kurz oder lang in Konkurs, weil die Käufer einfach zur Konkurrenz laufen würden. Wie aber soll sich ein Betrieb gegen die vom Staat inszenierte Freistelle wehren? Er muß zahlen, auch wenn die Rechnungen heute mit der Floskel "Wir bitten ..." beginnen, also das kategorische "Der Betrag ist..." vermeiden. Und wer sorgt nun dafür, daß der erste Stein in dieses "staatliche Glashaus" geworfen wird, um bei dem alten Sprichwort zu bleiben? we.