Die Frage, wie es zu der schwersten Schiffskatastrophe im Nordatlantik seit dem Untergang der "Titanic" im Jahre 1912 kommen konnte, beschäftigt nicht nur die Beteiligten und alle Schifffahrtskreise, sie erregt die Weltöffentlichkeit. Bei dem im dichten Nebel erfolgten Zusammenstoß des auf der Fahrt nach New York befindlichen 29000 Tonnen großen italienischen Passagier-Motorschiffes Andrea Doria der Italian-Line mit dem aus New York kommenden 12 644 Tonnen großen Passagier-Motorschiff Stockholm der schwedischen Amerikalinie etwa 45 Seemeilen von Nantucket-Island in der Nacht vom 25. zum 26. Juli kamen von den insgesamt 2384 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord der beiden Schiffe 25 ums Leben. Sechzig wurden schwer verletzt, 45 werden vermißt.

Am 26. Juli um sechs Uhr vormittags sank das 1953 mit einem Kostenaufwand von 135 Millionen DM gebauten Schiff in die Tiefe. Über das Ende der "Andrea Doria" berichtete ein mit einem Flugzeug der Küsten wache zur Unglücksstelle geflogener Journalist: "Wir sahen an den Seiten des Schiffes viele Meter hohe Wassersäulen aufsteigen. Offensichtlich hatte der Luftdruck die Schotten und Luken gesprengt. Trümmer flogen wirbelnd in die Luft. Wir konnten beide Schrauben aus dem Wasser ragen sehen. Bei einem neuen Anflug trieb das Schiff kieloben. Sein Bug bohrte sich in das Wasser, während das Heck völlig frei in die Luft ragte. So blieb sie drei bis vier Minuten stehen. Dann versank sie."

Auf der "Stockholm" war der Bug wie eine Harmonika zusammengepreßt und der vordere Raum voll Wasser gelaufen. Da die Schotten dichthielten, konnte das Schiff mit eigener Kraft, von einigen Fahrzeugen der amerikanischen Küstenwache eskortiert, mit einer Geschwindigkeit von sieben Seemeilen in der Stunde nach New York zurückkehren.

In beiden Schiffen waren nicht nur die modernsten Sicherungseinrichtungen eingebaut worden, sie hatten selbstverständlich auch die neuesten Radargeräte an Bord. Ein technischer Mangel bestand also nicht, es sei denn, daß auf beiden Schiffen die Radargeräte gleichzeitig ausgefallen wären. Eine aufschlußreiche Erklärung über die Möglichkeit eines Versagens der Radargeräte infolge des Nebels hat am Tage nach dem Unglück der Direktor der Radarversuchsstation Blue Hills der amerikanischen Luftwaffe gegeben. Er teilte mit, unter bestimmten Umständen könne eine flache Nebeldecke wie ein Spiegel wirken und die Radarstrahlen reflektieren, so daß sich auf dem Radarschirm ein falsches Bild ergäbe. Normalerweise seien die Radargeräte an dem höchsten Punkt der Schiffe angebracht, gewöhnlich an den Masten. Da kaum anzunehmen sei, daß die Radargeräte beider Schiffe auf Grund mechanischer Bedingungen zur gleichen Zeit ausgefallen seien, müsse angenommen werden, daß die Nebeldecke dünn war und über ihr warme trockene Luft herrschte. Wenn sich die Radargeräte in der Höhe dieser trockenen warmen Luftschicht befunden hätten, dann müsse die darunterliegende feuchte Nebelschicht wie ein Spiegel gewirkt haben, so daß die Radarstrahlen sie nicht durchdringen konnten. Sein Institut untersuche die Nebelverhältnisse zur Zeit des Zusammenstoßes, um weiteres Material zu gewinnen.

Es ist möglich, daß ein solcher oder ähnlicher Fall vorgelegen hat. Daß diese Fälle eintreten können, mußten sowohl die Radaroffiziere wie auch die Kapitäne und die Wachoffiziere wissen, Nachdem also beide Schiffe in der Nähe der wegen ihres Nebels berüchtigten Nantucket-Insel in Nebel geraten waren, hätten die Kapitäne beider Schiffe sofort mit der Fahrt heruntergehen, Ausguckposten aufstellen und die vorgeschriebenen Nebelsignale geben müssen. Diese selbstverständliche Vorsichtsmaßnahmen waren um so erforderlicher, als das Gebiet um die Nantucket-Inseln der gefährlichste Teil des Nordatlantiks, ist, weil alle Kurse nach New York dort zusammenlaufen.

Eine der Fragen, mit der sich das die Untersuchung durchführende Seeamt zu beschäftigen haben wird, ist daher, ob diese Vorsichtsmaßnahmen ergriffen worden sind. Der Kapitän der "Stockholm" hat diese Frage zum Teil bereits beantwortet, denn er sagte nach seiner Ankunft in New York vor Pressevertretern, sein Schiff habe eine Geschwindigkeit von 18 Seemeilen gehabt. Er begründete diese hohe Geschwindigkeit damit, daß die Radargeräte seines Schiffes einwandfrei in Ordnung gewesen wären. Mit anderen Worten: Weil die Radargeräte angeblich einwandfrei arbeiteten, ging der Kapitän trotz des Nebels, den er bei Nantucket vorfand, nicht mit der Fahrt herunter. Sollte sich ein derartiges Verhalten tatsächlich in der internationalen Schiffahrt eingebürgert haben, so ist es die höchste Zeit, daß es schleunigst geändert wird. Aussagen des Kapitäns der "Andrea Doria" lagen bei Redaktionsschluß noch nicht vor. Es kann aber bei der Wucht, mit der der Zusammenstoß beider Schiffe erfolgte, angenommen werden, daß auch die "Andrea Doria" eine große Geschwindigkeit hatte.

Der Kapitän der "Stockholm" hatte auf der Pressekonferenz in New York auch erklärt: "Ich erwarte die Vernehmung vor einem Seeamt zu jeder Zeit und an jedem Ort. Ich habe eine Untersuchung nicht zu befürchten." Diese Sicherheit des Kapitäns gründet sich offenbar auf die Tatsache, daß nach der internationalen Seestraßenordnung dasjenige Schiff, das das andere an seiner Steuerbordseite hat, ausweichpflichtig ist. In diesem Falle war es offenbar die "Andrea Doria", da sie an Steuerbord von der "Stockholm" gerammt wurde.