G. S. Weingarten

Man sollte sich in diesem Jahre überall, wo einmal "Reich" war (das Sacrum Imperium, das 1806 zugrunde ging), des Ortes Weingarten im Bodenseegebiet erinnern. Dort beging in höchst eindrucksvoller Weise das glanzvollste Reichsstift des Schwabenlandes das 900jährige Gedächtnis seiner Gründung.

Das Münster, neben dem Ulmer der größte Monumentalbau Schwabens, das in den letzten Jahren durch die staatliche Denkmalspflege in schneeigem Glanz seiner barocken Herrlichkeit wiederhergestellt und jetzt aus Anlaß seines Jubiläums durch ein päpstliches Breve zur Basilika erhoben wurde, war der zentrale Platz einer traditionsgesättigten Selbstdarstellung nicht nur des Klosters auf dem Martinsberge, sondern auch von Stadt und Volk von Weingarten. Der Bischof von Rottenburg vollzog mit Mönchen und dem Klerus des Landes die Liturgie. Die Krönungsmesse von Mozart strahlte auf. Und in einer besonderen kirchenmusikalischen Feierstunde füllte die Inbrunst des frömmsten aller frommen Meister, Anton Bruckners, mit dem Großen Halleluja und dem Te Deum Tausende von freudig vorgestimmten Hörern mit Ergriffenheit.

Wer erfahren will, was ein Fest ist, geformt aus der Feierlichkeit der Stunde und zugleich vom lebendigen Kulturbesitz eines Jahrtausends, der reise in diesem Sommer nach Weingarten. Hier findet das säkulare Fest eine Fortsetzung in zwei geistig-kulturellen Darbietungen: die eine ist das Festspiel, das Franz Johannes Weinrich aus der Erfahrung des historischen, soziologischen und numinosen Wesens Weingarten geschrieben hat und das – unter der einfallsreichen Regie seines Bruders, Karl M. Weinrich – noch in einer Reihe von schönen Augustabenden die Besucher von nah und fern ansprechen wird. Der Dichter hat es "Das Welttheater Luzifers" genannt. Der satanischste Satan, den ich je auf einer Bühne gesehen (Hans Quitschorra, München), rennt mit seinem Diener Asmodäus gegen das Heiligtum auf dem Martinsberge an, das groß und still in die sternüberfüllte Sommernacht emporragt. Die andere Darbietung ist in aller Buchstäblichkeit ein säkulares Ereignis: man hat in den Räumen des Pädagogischen Instituts, das den Nordteil des barocken Baukomplexes innehat, mehr als hundert kostbarste Stücke der weltberühmten Klosterbibliothek zusammengebracht, gewiß nur Bruchstücke des alten Reichtums, aber doch ein Fascinosum geistiger und künstlerischer Qualität.

Man erinnere sich im Vorgeschmack nur an die "Weingartner Liederhandschrift". Die Schau, die noch den ganzen Monat August dauert, wird hoffentlich einen kleinen Pilgerstrom kultivierter Besucher aus aller Welt nach Weingarten locken. – Wir wissen alle, und niemand weiß es mehr als das mit seinem Kloster verbundene Volk von Weingarten, daß die glanzvolle Geschichte des Klosters eine tödliche Zäsur erlitt. Es wurde 1803 säkularisiert, aber nicht sänftiglich, sondern – um Ricarda Huch sprechen zu lassen – "mit hyänenhafter Raubgier, die dadurch etwas unnatürlich Abstoßendes hatte, daß sie sich auf die eigenen Verwandten und Gefährten warf". Das wunderbare Gehäuse des Weingartner Stifts, von einer Mönchsgemeinde für eine Mönchsgemeinde erbaut, wurde entkernt. 1000 Wiegendrucke und 800 Handschriften wurden von ihren Borden gerissen, verbrannt, verkauft, von scherbelt; die liturgischen Geräte, die kostbaren Reliquiare eingeschmolzen, die funkelnden Repräsentationsräume des Fürstabtes zur Kaserne gemacht.

Daß aber das Kloster Weingarten heute in seinen ältesten Trakten wieder von monastischem Leben erfüllt ist, in der hochbarocken Prälatur aber die Jugend eines Pädagogischen Instituts beherbergt, verdankt es den Weingartner Bürgern und ihrem Bürgermeister von 1922, Wilhelm Braun, Männern, die aus lebendiger Verpflichtung gegen, die große Vergangenheit ihrer "Klosterstadt" das Stift mit Beuroner Benediktinermönchen neu besiedelten, die 1921 aus ihrer Abtei in England vertrieben worden waren.

Dies ist das punctum puncti das bei den offiziellen Jubiläumsfeiern keine Erwähnung fand. Aber es muß gesagt werden, um dieses Hauses und seiner Mönche und um dieser allzeit getreuen Stadt und ihrer Bürger willen. Georg Scholz