Zu erstaunlichen und (freilich nur für die Betroffenen!) zugleich erfreulichen Ergebnissen führt die neue Rentenformel bei sehr hohen Gehältern. Diese sollen ja, im Zuge der Reform, mit der Maßgabe versicherungspflichtig werden, daß Beiträge und Leistungen so zu bemessen sind, "als ob" das Gehalt 750 DM monatlich betrüge; die darüber hinaus vorhandene Gehaltssumme bleibt also für die Versicherung außer Ansatz. Somit wären zunächst an Beiträgen je 7 v. H. von 750 DM als Arbeitnehmer- und als Arbeitgeberbeitrag zu zahlen, und das für die nächsten zehn Jahre; danach erhöht sich der Beitragssatz von 14 v. H. auf 16,25 v. H. Unter der Annahme, daß der Bezieher eines Maximalgehalts – nennen wir ihn einmal Max Meyer – bei Beginn der erweiterten Versicherungspflicht gerade 45 Jahre alt ist, würden für ihn (bei gleichbleibender Bemessungsgrundlage) zu zahlen sein (und zwar jeweils hälftig als Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil):

Das ist der Betrag, der zur Altersversicherung aufkommt; außerdem zahlt die Bundeskasse an die Rentenversicherung weitere 5 v. H. des beitragspflichtigen Gehalts (750 DM), d. h. 37,50 DM im Monat, gleich 450 DM im Jahr, 9000 DM in 20 Jahren. Dieser Betrag geht aber nicht in die Altersversicherung ein, sondern dient der Abdeckung des Invaliditätsrisikos – anders gesagt: aus dem so gebildeten Fonds sind die Differenzbeträge für jene Versicherten zu entnehmen, die infolge frühzeitiger Invalidität (vor Ende des 65. Lebensjahres) weniger Beiträge zahlen und (weil vorzeitig rentenberechtigt) mehr jährliche Renten erhalten, als für den "Normalfall" versicherungstechnisch vorzusehen ist.

Nach der obigen Rechnung kommen für die Alterssicherung von Herrn Max Meyer insgesamt 27 225 DM auf. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von weiteren 18 Jahren, die für Herrn Max Meyer (nach Erreichen der Altersgrenze von 65 Jahren!) noch anzunehmen ist, würden an ihn rund 48 000 DM zu zahlen sein. Die monatliche Rente beträgt nämlich 1,5 v. H. des beitragspflichtigen Gehalts je Beitragsjahr – im Falle von Maximalgehältern also, nach 20jähriger Beitragsdauer, 20 X 0,015 X 750 = 225 DM im Monat, gleich 2700 DM im Jahr, und rund 48 000 DM bei 18 Jahren Laufzeit. (Dabei ist die Möglichkeit unberücksichtigt geblieben, daß Herr Meyer verheiratet sein könnte und daß die Witwe Meyer, nach seinem Tod, noch längere Jahre hindurch die Witwenrente – 60 v. H. der 225 DM gleich 135 DM monatlich – bezieht.) Es ergibt sich nun die Frage, wie der Differenzbetrag zwischen der normalen Beitragsleistung (27 225 DM) und der normalen Rentensumme (48 000 DM) gedeckt wird. Diese 20 775 DM müssen – anders ist die Frage gar nicht zu beantworten – von der Gesamtheit der beitragspflichtigen Sozialversicherten aufgebracht werden: also von Berufstätigen, die in ihrer großen Masse erheblich weniger verdienen, als die bewußten 750 DM monatlich oder gar die Maximalgehälter! Sollten sich für die spätere Generation der beitragspflichtigen Berufstätigen aus der Rentenlast, für die sie aufzukommen haben, allzu hohe Beitragssätze ergeben, so wird ("natürlich") der Staat, die Gesamtheit der Steuerpflichtigen, aushelfen müssen, um die "Reformrenten" in voller Höhe aufzubringen: auch und speziell für die künftig neuversicherten Bezieher von Maximalgehältern!

Nun ist aber unsere Rechnung noch nicht ganz zu Ende. Es muß nämlich berücksichtigt werden, daß die Beiträge, die für die Rentenversicherung zu zahlen sind, sich zu einem erheblichen Teil steuermindernd auswirken; das gilt für beide "Pflichtige" Teile, also sowohl bei den Arbeitnehmer- als auch bei den Arbeitgeberbeiträgen. Nehmen wir an, daß Herr Max Meyer als Generaldirektor bei einem Unternehmen tätig ist, das 45 v. H. Körperschaftssteuer zahlt, während er selber Einkommensteuer in der höchsten Staffel (mit 55 v. H.) zu zahlen hat, so gehen also (von der Gesamtbeitragsleistung) 50 v. H. zu Lasten der Steuerkasse. Die Hälfte der für 20 Jahre insgesamt zu zahlenden Beitragssumme, gleich 13 612,50 DM, wird somit vom Steuerfiskus getragen. Der Steuerverzicht von 13 612,50 DM einerseits, die Zuschüsse während der Rentenleistung in Höhe von 20 775 DM andererseits: das sind zusammen 34 400 DM, die von der Gesamtheit (der Steuerzahler hier, der Versicherten da ...) aufzubringen sind, damit Max Meyer die ihm zustehenden 48 000 DM Rente erhält. Der Versicherte selber und sein Arbeitgeber zahlen somit "netto" an Beiträgen nur rund 13 600 DM der 48 000 DM ausmachenden Rentensumme – obwohl es (siehe § 1389 des Gesetzentwurfs!) heißt, daß sich die Altersversicherung künftig "allein aus Beiträgen" zu tragen habe... Und, wie bereits erwähnt, sind weitere 9000 DM an Bundeszuschüssen erforderlich, um den Risikoausgleich für Fälle vorzeitiger Invalidität sicherzustellen.

Man kann angesichts dieses Ergebnisses schwerlich behaupten, die Versicherungsmathematik sei ein trockenes Geschäft. Sie ist, im Gegenteil, ein geradezu abenteuerliches Gewerbe: zum mindesten dann, wenn sie sich daran macht, aus dem Bundesarbeitsministerium stammende Zukunftsplanungen kritisch zu analysieren. E. T.