HvH Rom, im August

Die vielen unentwirrbar-ungelösten Probleme der italienischen Verwaltungswahlen, die Tatsache, daß große Städte wie Mailand und Florenz ohne kommunale Gremien sind, haben die Politiker nicht davon abhalten können, auf Urlaub zu gehen. Der Genosse Togliatti ist nach Campoluc in die Ferien gereist, während noch sein Eisenbahner-Generalstreik tobte. Sein Milchbruder Pietro Nenni muß warten, bis nach dem 10. August sein Ferienqartier in Savoyen frei wird: er hat sich so lange um einen Ministersessel bemüht, daß er versäumte, sich rechtzeitig feine Urlaubsbleibe zu sichern. Und der christlich-demokratische Parteisekretär Fanfani wird volle vier Wochen in Amerika verbringen und als Gast an den Parteikongressen der Republikaner und Demokraten teilnehmen.

Nur der schmächtigere Ministerpräsident Segni, der unter 30 Grad Hitze wahrscheinlich nicht so leidet wie beleibtere Politiker, hat sein Kabinett noch nicht in die Ferien entlassen; er hat es vielmehr zur Diskussion und (womöglich) Lösung eines Problems zusammenberufen, das immer brenzliger wird: die "Carovita", die Teuerung. Da man offenbar, bei überbeanspruchtem Staatssäckel, nicht in der Lage ist, die dauernden Lohnforderungen (augenblicklich der Eisenbahn) zu befriedigen, so möchte man den umgekehrten Weg gehen: durch eine Generaloffensive gegen die unnatürlich überhöhten Preise den Forderungen nach Lohn- und Gehaltserhöhung das Wasser abzugraben.

Die Lebensmittel Sind in Italien weit teurer als in irgendeinem anderen Land Europas, obgleich die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise tief unter dem europäischen Niveau liegen. Mit anderen Worten: die Spanne zwischen Erzeuger- und Kleinhandelspreisen ist unnatürlich groß. In jedem italienischen Durchschnittshaushalt stehen die Kosten für die reinen Lebensmittel, deren Kaloriengehalt unter dem der anderen europäischen Länder liegt, mit 60 v. H. der Gesamtausgaben zu Buch – in England, der Schweiz, Schweden, Dänemark, Holland, Belgien und der Bundesrepublik nur mit 30 v. H.

1950 lag der italienische Großhandelsindex für landwirtschaftliche Erzeugnisse bei 52, heute bei über 58. Das Indexmittel der Verbraucherpreise aber ist in der gleichen Zeit von 58 auf 72 gestiegen, also um mehr als 20 v. H. Ein zweifellos ungesundes Verhältnis. Die Tatsache, daß es in Städten wie Rom, Mailand, Neapel eine wahrhaft orientalische Unzahl von Lebensmittelgeschäften gibt, wäre für den ausgebeuteten Verbraucher nur dann ein Trost, wenn hierzulande die Konkurrenz preisdrückend wirkte.

Eine staatliche oder kommunale Konkurrenz-Offensive in Gestalt von Märkten und Konsumgeschäften, die ohne Aufschlag zu Großhandelspreisen verkaufen, wird angesichts der unhaltbaren Lage von vielen Stellen, die sonst der Einmischung der öffentlichen Hand nicht sehr geneigt sind, dringend empfohlen. Vorläufig spricht man nur von einer "Blockierung" der Preise. Aber das reicht bei der gegenwärtigen Höhe nicht mehr aus. Und die Befürworter radikaler Lösungen weisen nicht ohne Recht auf die politischen Auswirkungen der Teuerung hin, wenn sie betonen, daß in den erwähnten Ländern mit vernünftiger Relation zwischen Erzeuger- und Konsumentenpreis der Kommunismus keine nennenswerte Rolle spielt.