Der diesjährige evangelische Kirchentag, der siebente nach Hannover, Essen, Berlin, Stuttgart, Hamburg und Leipzig, findet vom 8. bis 12. August in Frankfurt am Main unter dem Motto "Lasset euch versöhnen mit Gott" statt. Es werden über 200 000 Teilnehmer erwartet, allein 20 000 aus der Sowjetzone, darunter der stellvertretende Ministerpräsident Nuschke. Einige Grundgedanken über Entstehung und Sinn dieses großen kirchlichen Zusammentreffens sollen nachstehend auf seine Bedeutung hinweisen.

Der erste "evangelische Kirchentag" fand fünfzig Tage nach der Auferstehung Christi statt. Wer die Kirchentage von heute sachlich interpretieren will, muß daher nach dem Gründungsbericht der Kirche greifen, dem 2. Kapitel der Apostelgeschichte: "Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander." Diese so selbstverständlich anmutende Feststellung hebt sich nach rückwärts ab von der Ergänzungswahl für Judas, den Verräter: die repräsentative Vollzahl der zwölf Jünger Jesu, des neuen Gottesvolkes – das alte hatte zwölf Stämme –, steht konstitutiv am Beginn der Kirche. Sie waren wirklich alle beieinander. Und einmütig. Die Einmütigkeit, nicht als gemanagte Demonstration, nicht als Folge innerkirchlicher Kompromißverhandlungen, sondern als Wunder der communio im Glauben und in der Liebe steht zeitlich und sachlich vor dem Wirken zentrifugaler Kräfte: dem Missionswirken einzelner, dem Zugriff der Verfolger, dem Einbruch der Versuchung, der Gründung neuer Ortsgemeinden, den Meinungsverschiedenheiten unter den ersten Christen – wovon die Apostelgeschichte im weiteren erzählt.

Die Kirchentage der letzten Jahre spiegeln vieles wider von diesem "alle einmütig". Ihr oft kritisiertes Erscheinungsbild einer christlichen Massenkundgebung mag manche Beobachter darüber hinwegtäuschen, daß die Kirchentage seit Jahren schon eine integrierende Kraft in der evangelischen Christenheit Deutschlands darstellen. Durch das Wunder der communio werden sie – nach einem Wort ihres Präsidenten D. Dr. Reinald von Thadden-Trieglaff – zu einem "parapolitischen Ereignis", das alle politischen Konstellationen durchbricht, wie etwa in Berlin und Leipzig. Sie haben aber weit mehr noch ein "parakirchenpolitisches" Gewicht in einem Augenblick, da die Evangelische Kirche in Deutschland von sehr erheblichen äußeren und inneren Spannungen heimgesucht ist. Die Erfahrung, dennoch eine große Gemeinde unter einem Herrn zu sein, rückt den Kirchentag aus der Gefahrenzone pompöser Parteitage in das Kraftfeld des Pfingstgeschehens.

Die da reden sind keine Theologen, keine Berufsprediger – der erste christliche Theologe vom Fach gehörte nicht zu den Zwölfen: es war der ehemalige Rabbiner Paulus. Was die Prediger des pfingstlichen Kirchentages einzig qualifiziert, ist ihre Begegnung mit dem auferstandenen Christus, ihr Glaube an ihn und seinen Geist, der ihnen die Vollmacht zum Reden gibt. Denn christliche Verkündigung ist kein Reservat der Theologen, sondern Aufgabe der Gemeinde in allen ihren Gliedern.

Die Anfänge im Bereich der evangelischen Kirche sind an den Universitäten der zwanziger Jahre zu suchen. Männer wie Dr. von Thadden und Bischof Lilje standen damals in der Führung der Deutsch-Christlichen Studenten-Vereinigung. Diese Verbindung, der Kreis um Paul Humburg und parallel dazu der theologische Umbruch Karl Barths und seines Kreises sind der geistige Ursprungsort eines bewußt evangelischen Akademikertums geworden. Das Erlebnis zweier verlorener Kriege und die Verantwortung für das Ganze der Kirche und des Volkes, in die der Glaube ihn stellt, führte den evangelischen Akademiker aus der Isolierung seines Standes heraus. Nach Kriegsende entstehen die Evangelischen Akademien, auf denen im Wissen um die innere Solidarität das Gespräch mit Gewerkschaftlern, Politikern, Wirtschaftlern und Militärs, mit Menschen aus allen Ständen und Berufen nicht abreißt. Die Partner dieser Gespräche lernen aufeinander zu hören, und die Christen unter ihnen beginnen, die frohe Botschaft "in neuen Zungen", in der Sprache der Gegenwart und inmitten gemeinsamer Probleme zu sagen.

Die Geschichte unserer heutigen Kirchentage beginnt unter Hitler und in einem Internierungslager am Eismeer. Die verfolgte und publizistisch eingezäunte Gemeinde fand in den dreißiger Jahren einen neuen Weg in die Öffentlichkeit: die Evangelischen Wochen. Das waren kleine, örtliche Kirchentage, auf denen Männer und Frauen der Bekennenden Kirche die christliche Botschaft zu den Fragen der Zeit verkündeten und besprachen – so offen das nur immer unter der Diktatur möglich war. Der Aufbruch der "mündigen Laien in der Kirche hatte begonnen.

In einem sowjetischen Internierungslager am Eismeer sammelte nach 1945 Dr. von Thadden-Trieglaff – Jurist, enteigneter Gutsherr aus Pommern, führendes und mehrfach verhaftetes Mitglied der Bekennenden Kirche – eine kleine Gemeinde von Christen. Hier entstand der Gedanke, nach der Heimkehr der seelischen Not unseres Volkes zu begegnen, indem man die Evangelischen Wochen auf breiter Basis als Kirchentage wieder aufnahm. Das geschah 1949 in Hannover. Das Thema sagte, worum es ging: aus dem Banne steriler Kirchlichkeit herauszukommen in den Strom der Zeit.