Hg., Ankara, im August

Den Ernst der türkischen Wirtschaftslage veranschaulicht am besten ein Vergleich der aufgelaufenen Schulden mit den Außenhandelserlösen. Die ausländischen Forderungen überschreiten jetzt 1,1 Mrd. $, das sind zum offiziellen Kurs 3,2 Mrd. türkische Pfunde, und entspricht dem Exportwert von nahezu vier Jahren, da die Ausfuhren im vergangenen Jahr 876 Mill. türkische Pfund erreichten. Der Abbau dieser gewaltigen Schuldenlast ist aber völlig ungewiß, da die Handelsbilanz weiterhin passiv ist. Durch Goldverpfändungen im Werte von 356 Mill. türkischen Pfund ist praktisch der gesamte Goldschatz der Zentralbank gebunden. Bei den letzten Ausschreibungen verlangten die Behörden eine Kreditfrist von neun Jahren, wobei an Stelle einer Anzahlung die erste Rate erst 1958 fällig werden sollte. Nachdem bei solchen Konditionen keinerlei Kontrakte zustande kamen, werden für den dringendsten Ersatzteilbedarf aus den Mitteln der amerikanischen Auslandshilfe monatlich einige Millionen Dollar ICA-Gelder zur Verfügung gestellt...

Während der Außenhandel in Anbetracht dieser Verschuldung immer mehr in eine Sackgasse gerät, was zwangsläufig eine gewisse Umorientierung auf den Osthandel zur Folge hat, versucht die Regierung die starken Preiserhöhungstendenzen mit einem radikalen Preisstopp aufzuhalten. Im Rahmen des "Gesetzes zum Schutze der Nation" wurden die Gewinnspannen und die Preise für eine Anzahl von Branchen festgelegt. So dürfen die Zuschläge der Importeure 20 v. H., jene der Grossisten 10 v. H. und die der Einzelhändler 25 v. H. nicht überschreiten. Auch sind die Kaufleute verpflichtet, detaillierte Fakturen auszustellen und deren Kopien 10 Jahre lang aufzubewahren. Kontrollausschüsse wachen über die Einhaltung der strengen Vorschriften, wobei die Androhung drakonischer Strafen und die Verurteilung durch Schnellgerichte als Abschreckungsmittel dient.

Die Gesetzesvorlage sah ursprünglich sogar die Todesstrafe vor, doch wurde diese vom Parlament nicht sanktioniert. Unter dem Einfluß dieser Maßnahmen wurde zunächst eine Anzahl von Importanträgen zurückgezogen, da in Anbetracht des bei der Zentralbank zu erlegenden Bardepots in Höhe von 10 v. H. des Einfuhrwertes die neuen Spannen keinen Anreiz zur Durchführung der Transaktionen bieten. Die Preise fielen zwar vorübergehend um 25 bis 50 v. H., doch entleeren sich neuerdings die Schaufenster zusehends. Eine Einengung erfuhren auch die Börsengeschäfte, die in Zukunft nur noch von registrierten Firmen durchgeführt werden dürfen. Den Banken wurde die Bevorschussung von Waren und der Besitz von Immobilien über die betriebsmäßigen Erfordernisse hinaus untersagt.

Zur Ankurbelung der Exporte wird wieder das System der Belassungsquoten eingeführt. So erhalten Erzexporteure bei Lieferungen bis zu einem Wert von 1 Mill. türkische Pfund einen Bonus von 12 v. H., bei einem Exporterlös von 1 bis 3 Mill. türkische Pfund 10 v. H. und darüber 6 v. H., die sie in Devisen behalten und für ihren eigenen Importbedarf verwenden dürfen. Zu einer erfolgreichen internationalen Enquète über die Regelung der Schulden kam es seit dem seinerzeitigen zaghaften Versuch der OEEC nicht mehr. Der Abbau der Altschulden, die teilweise auf über 24 Monate zurückreichen, geht daher in den einzelnen Relationen sehr unterschiedlich vor sich. Vor kurzem konnte der italienische Botschafter in Ankara, Pietromarchi, die Liquidierung der italienischen Forderungen bekanntgeben. Demgegenüber werden die Rückzahlungstermine mit Großbritannien nur sehr schleppend eingehalten, und die Schulden an die Bundesrepublik,die sich im vorigen Jahr rasch verringerten, schnellten wieder sprunghaft empor. Die überaus rührige östliche Konkurrenz wird in Zukunft erfolgreicher im Trüben fischen können, wenn es nicht bald zu einer Initiative einer internationalen Wirtschaftsorganisation und zu einer gemeinsamen Konsolidierung der ausstehenden Beträge kommt.