Eine fühlbare Entspannung der Auftragslage ist auf den meisten Teilmärkten für Walzwerksprodukte zu verzeichnen. Die übliche Erklärung hierfür spricht von dem rückläufigen "Lagerzyklus", ohne freilich zu begründen, warum dessen Wirkungen erst jetzt und gerade jetzt wirksam werden sollen... Tatsächlich liegen die Ursachen der Entspannung tiefer, wie hier im Folgenden von unserem Korrespondenten für das Rhein-Ruhr-Gebiet ausgeführt wird.

Die industriellen Expansionskräfte zeigen merkliche Schwächen; die Zuwachsraten schrumpfen zusammen; echte Absatzsorgen beginnen in den Kontoren der großen Firmen am Alarmhebel zu ziehen. Noch ist dies keine Massenerscheinung. Noch sind es erst Einzelergebnisse, die wir registrierten oder die uns bekannt wurden. Aber wir glauben, darauf hinweisen zu müssen. An anderer Stelle der heutigen Ausgabe berichten wir, daß die Vorstände von Rheinstahl und Conti Gas die Dämpfung der Konjunktur erneut bestätigen. Aus Teilen des Maschinenbaus ist zu hören, daß merkliche Rückgänge im Auftragseingang zu verzeichnen seien. Es gibt Firmen für Investitionsgüter der mittleren Größenordnung, die bereits unverkaufte Läger von zwei bis zweieinhalb Monatsproduktionen haben. Hinzu kommt ein leichter (und u. E. gesunder) Rückschlag am Baumarkt. Selbst auf den Exportmärkten sind Geschäftsabschlüsse schwieriger geworden. Wenn auch oft die Mengen gehalten werden, so nehmen doch die Erlöse ab.

All das ist nicht unbedingt etwas Nachteiliges. Vielleicht sogar im Gegenteil. Die Gefahren und Schwierigkeiten, die die lang anhaltende Hochkonjunktur mit sich brachte und von Quartal zu Quartal steigerte, können dadurch gebremst und sogar abgebaut werden. Wir möchten annehmen, daß gewisse Preiserhöhungen, die noch vor zwei Monaten "selbstverständlich" waren, aus dem Marktgeschehen heraus keine Begründung mehr finden. Dabei denken wir z. B. auch an Eisen und Stahl. Hier hat sich der Markt durchaus entspannt; er gibt an sich weniger Anlaß zu Preiserhöhungen als bisher. Dagegen sieht die Kostenlage auch weiterhin nicht überall rosig aus, so daß die Vorstände vor die kaufmännische Aufgabe gestellt werden könnten, die Diskrepanz zwischen Kosten und Erlösen – oder richtiger gesagt: zwischen ihren Ausgabeprogrammen plus Kosten und den Erlösen – mit anderen Maßnahmen zu harmonisieren als mit Preiserhöhungen. Das gilt übrigens nicht nur für Roheisen oder Stahl, deren relativ chronische Preiswürdigkeit zusammen mit der seit Jahren absolut zu billigen deutschen Kohle eine Verzerrung der Industrieexpansion mit verursacht hat. Die zweite Hälfte dieses Jahres kann, so meinen wir, bemerkenswerte neue Entwicklungen im allgemeinen Wirtschaftsablauf bringen: Entwicklungen, die die expansive Ära in eine echte Stabilisierungspause überleiten. W.-O. R.