Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft hat zum erstenmal seit 1945 zu einem Streik aufgerufen. Wenn es nach ihrem Willen ginge, würden 10 000 deutsche Kapitäne, Schiffsoffiziere und Schiffsingenieure seit Mitte voriger Woche die deutsche Handelsflotte stillgelegt haben. In Wirklichkeit ist der Streikaufruf jedoch praktisch ohne Echo geblieben, denn bislang haben alle Schiffe die Häfen wieder verlassen. In zwei oder drei Fällen kam es lediglich zu geringfügigen Verspätungen. Wenn man die Vorgeschichte kennt, die zum • Streikappell der DAG geführt hat, dann erscheint der Mißerfolg keineswegs erstaunlich. Der erste DAG-Streik wurde nämlich unter den denkbar schlechtesten Voraussetzungen begonnen. Einmal sind die Männer der Schiffsleitungen auf Grund ihrer besonderen Stellung an Bord ohnehin schwer für eine Arbeitsniederlegung zu begeistern, wenn nicht wirklich schwerwiegende Gründe für einen so ungewöhnlichen Schritt vorliegen, zum anderen waren sie schon seit zwei Monaten in den Genuß eines neuen Heuertarif vertrages gekommen, der ihr Gehalt durchschnittlich um 13 v. H. erhöht hat. Allerdings wurde er nicht von der DAG mit den Reedern abgeschlossen, sondern von der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV)...

Der Verband Deutscher Reeder und der Verband Deutscher Küstenschiffer haben mit der ÖTV diesen neuen Tarif nach monatelangen Gesprächen ausgehandelt und ihn am 1. Juni in Kraft treten lassen. Zu den Tarifverhandlungen würde von der Arbeitgeberseite auch die DAG Berufsgruppe "Schiffahrt" eingeladen, denn, beide Gewerkschaften sind an Bord vertreten. Wenn die DAG die Teilnahme an den Verhandlungen abgelehnt hat, so muß der Grund dafür in den Spannungen zwischen beiden Arbeitnehmerorganisationen gesucht werden, die jetzt ihren Höhepunkt gefunden haben. Heute stehen die Reederverbände mit der gewiß alles andere als arbeitgeberfreundlichen ÖTV in einer Front gegen die DAG. Die Reeder haben den ausgerufenen Streik von vornherein als illegal erklärt, weil sie den rechtswirksamen Tarifvertrag abgeschlossen haben; die ÖTV verweigert allen Streikmaßnahmen ausdrücklich ihre Unterstützung, weil sie an den Tarifvertrag gebunden ist, den sie als einen großen sozialen Erfolg für die Seeleute ansieht. Er bringt den Reedereien immerhin eine Personalkostenverteuerung um rund 25 v. H. und nach Schätzungen der DAG den Seeleuten etwa 44 Mill. DM jährlich mehr auf das Gehaltskonto oder in die Lohntüte. Neben der Tariferhöhung wurden noch verschiedene andere berechtigte Wünsche der Seeleute berücksichtigt, so daß jetzt der deutsche Seemann mit seiner neuen Heuer im oberen Drittel der seefahrenden europäischen Nationen liegt.

Als die DAG sah, daß die Reederverhandlungen mit der ÖTV zum Erfolg führen würden, versuchte sie das Tarifwerk mit weitergehenden Forderungen zu torpedieren. Dabei warf der Leiter der Berufsgruppe "Schiffahrt", Herr Freese, schon sehr frühzeitig die Drohung "Streik" in die Debatte, ohne sich über die Folgen einer so unnachgiebigen Haltung klar zu sein. Später wurde er dann Gefangener seiner eigenen Parole. Als alle Vermittlungsversuche, die auf Betreiben der DAG-Führung von amtlichen Stellen unternommen wurden, immer wieder an der ganz klaren Tatsache eines rechtswirksamen Tarifvertrages scheiterten, blieb der DAG schließlich nichts anderes übrig, als den Streik auszurufen, von dem sie wissen mußte, daß er praktisch den Rest ihres Prestiges in der Schiffahrt kosten wird. K. W.