Der Verbrauchsanstieg an Aluminium zeigt in den letzten Jahren ein Kurvenbild, wie es die expansive deutsche Volkswirtschaft trotz ihrer ungestümen Entwicklung nur selten aufweist. Voll ausgelastet arbeiten die Aluminiumhütten auf Hochtouren. Doch sie schaffen es nicht, der überdurchschnittlichen Verbrauchserhöhung das notwendige Tonnenvolumen zur Verfügung zu stellen. Von 27 800 t Jahreserzeugung 1950 stieg die Hüttenaluminium-Produktion der Bundesrepublik 1955 auf 137 000 t oder um 393 v.H. Zusammen mit Umschmelzaluminium standen der Wirtschaft 1955 230 000 t Reinaluminium zur Verfügung bei einem tatsächlichen Verbrauch von 264 000 t. Die Differenz wurde durch Importe gedeckt, die (1955) 44 000 t gegenüber 21 000 t in 1954 erreicht haben.

Alle sieben Jahre verdoppelte sich seit Beginn des Jahrhunderts die Welterzeugung an Aluminium, alle 20 Jahre die des Stahls. Vor dem Krieg war Deutschland mit fast 200 000 t der größte Aluminiumproduzent. Heute liefern die USA und Kanada rund 65 v. H. der Weltproduktion, dabei stehen die Staaten mit 1,4 Mill. t und Kanada mit 0,55 Mill. t an der Spitze.

Spürbar nimmt der Verbrauch im Verkehrswesen, im Baugebiet, in der Verpackungsindustrie und in der Elektrotechnik zu. So jedenfalls ist der langfristige Trend, wenn auch neuerdings aus Gründen des Arbeitskräftemangels in der weiterverarbeitenden Industrie eine Abschwächung der Produktionsausweitung festzustellen ist. Vorsichtige Berechnungen lassen aber für 1956 eine Verbrauchszunahme um 5 bis 6 v. H. (also auf etwa 280 000 t) erwarten. Mit einer Erhöhung der Einfuhren kann gerechnet werden, wenn der Kapazitätsausbau der deutschen Aluminiumindustrie nicht mit der Verbrauchszunahme Schritt hält. Jeder Mehrverbrauch an Aluminium geht sonst zugunsten des Imports.

Aber dem Ausbau der deutschen Produktionsstätten, die ausnahmslos in der bundeseigenen Vereinigte Aluminium-Werke AG, Berlin/Bonn, eine Tochter des Viag-Konzerns, zusammengefaßt sind, stehen die recht hohen Kapitalaufwendungen als schweres Hemmnis gegenüber. Die VAW-Betriebe liefern etwa zwei Drittel der in Deutschland anfallenden Aluminiumproduktion und zwar aus den Werken Töging am Inn, Lünen in Westfalen und Grevenbroich am Niederrhein. (In Deutschland liegen ferner die zur schweizerischen Aluminium-Gruppe gehörenden Fabrikationsstätten von Singen und Rheinfelden.) Der Wiederaufbau des nach dem Krieg demontierten Erftwerks in Grevenbroich auf der Basis von Braunkohlenstrom wird im Herbst erwartet. Dann wird der deutschen Aluminiumproduktion eine Kapazität von weiteren 12 000 t zuwachsen und die VAW-Gruppe jährlich etwa 115 000 bis 120 000 t Hüttenaluminium erzeugen können. Das laufende Investitionsprogramm der VAW, das bis zum Herbst 1957 reicht, sieht insgesamt 70 Mill. DM vor.

Das A und O einer rentablen Aluminiumproduktion ist der Strompreis. Daher wird mit großer Intensität an. der Nutzbarmachung der bayerischen Wasserkraftstromwerke zugunsten der Aluminiumproduktion gearbeitet. Doch reicht der Stromanfall und die Kapazität der Kraftwerke nicht aus, um die Expansion des Aluminiumverbrauchs mitzumachen. Ein enger Verbund mit dem ebenfalls preiswerten Braunkohlenstrom des RWE sichert der süddeutschen Aluminiumproduktion in der VAW-Gruppe einen relativ niedrigen Mischpreis von etwa 3,5 Pfennig je Kilowattstunde und ermöglicht daher auch das Arbeiten in Grevenbroich. Anders liegen die Verhältnisse im Werk Lünen, das auf Steinkohlenstrom arbeitet. Da aber hier nun einmal die einst unter strategischen Gesichtspunkten errichteten Anlagen stehen, wird die Produktion weiter durchgehalten.

Zur Produktion von einer Tonne Aluminium werden 20 000 Kilowattstunden Strom gebraucht, ferner zwei Tonnen Tonerde, die aus 4 Tonnen Bauxit gewonnen werden. Die Investitionskosten je Jahrestonne Aluminium stellen sich, wie auf einer Informationsfahrt der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung durch verschiedene Viag-Betriebe zu hören war, auf etwa 8000 DM auf der Basis von Wärmekraft und auf etwa 10 000 DM auf der Basis von Wasserkraft (die aber im Betrieb wesentlich billiger ist); auf die eigentliche Aluminiumkapazität entfallen 3500 DM je Jato und etwa 1200 DM auf die Tonerde-Produktion. Verglichen mit Stahl oder Kohle ist das sehr hoch. Die Investitionskosten je Tonne Stahl liegen bei rund 1000 DM, jene für Kohle/Koks bei etwa 150 DM. Kohle/Koks bringt je verkaufte Tonne einen Erlös für die Zeche von durchschnittlich 60 bis 65 DM, Rohstahlblöcke erbringen etwa 300 bis 320 DM je Tonne und Aluminium rund 2230 DM je Tonne. Aus diesem Vergleich lassen sich bemerkenswerte betriebswirtschaftliche Rückschlüsse ziehen, die keineswegs zuungunsten von Aluminium auslaufen.

Doch die absoluten Ziffern, die für den Ausbau der Aluminiumkapazität notwendig sind, summieren sich rasch in Milliardengröße. Wenn die deutsche Aluminiumproduktion dem Verbrauchsanstieg Rechnung tragen will, müßte sie ihre Kapazität von heute rund 140 000 t um mindestens 50 000 t vergrößern. Das bedeutet einen Kapitalaufwand von einer halben Milliarde DM und eine langfristige Bauzeit für die Stromkraftwerke. Es ist daher verständlich, daß die Aluminiumindustrie ihren Blick über die Grenze nach Österreich richtet, wo erhebliche Wasserkraftstromwerke im Bau sind und wo noch Großverbraucher für den später anfallenden Strom gesucht werden. Auf beiden Seiten besteht Neigung, gemeinsam ins Geschäft zu kommen. Eine deutsche Beteiligung an den Ausbauplänen der österreichischen Energiewirtschaft wäre durchaus zu begrüßen, weil dann auch auf diesem Wege der schon bestehende Verbund unter den europäischen Energieträgern und -großverbrauchern eine neue segensreiche Kräftigung erfahren würde. W. O. Reichelt