In einer Zeit, da es außerordentliche Mühen kostet, eine halbe Million Soldaten aufzustellen, erfährt man, daß es eine Million Sänger gibt. Das ist ein tröstlicher Gedanke. – In Stuttgart, wo termingerecht das neue, in kühner Architektur geformte Konzerthaus fertiggestellt wurde, das die alte, durch Bomben zerstörte "Liederhalle" ersetzt, kamen 100 000 Angehörige des Deutschen Sängerbundes zusammen. Fahnen, festliche Reden, eine feierliche Kundgebung, zu der Carl Orff eine neue Kantate "Die Sänger der Vorwelt" (auf den Text von Schiller) geschrieben hatte, mehr als 100 Konzerte in großen und kleinen Sälen der Stadt, schließlich eine Ansprache des Präsidenten der Bundesrepublik, Prof. Heuss, und was nicht weniger bedeutsam ist: die Darbietungen zeigten durchweg nicht nur hohes Niveau der Ausführung, sondem verrieten schon im Programm, daß es keine Aversion gegen das Chorschaffen der Moderne gibt.

Hat sich der Satz, daß das deutsche Volk "ein Volk der Dichter und Denker" sei, auch leider zu Zeiten nicht bestätigt, so haben die Stuttgarter Festtage wenigstens gezeigt, daß wir immer noch das Volk der Sänger sind. Und da es in der Musik besonders das Chorlied ist, das über Grenzen hinweg verbindet, fanden sich Gäste aus Übersee ein, aus Südafrika so gut wie aus Amerika. Aber damit der deutsche Mißklang nicht ausbliebe, geschah es, daß an die 50 Chöre aus Mitteldeutschland nicht teilnehmen durften, weil die Regierung der Sowjetzone es ihnen verwehrte, wobei sie die Musiktage von Stuttgart im vorhinein als eine "Aktion des Chauvinismus" diffamierte.

In den Glanz des Sängerfestes fiel der Schatten des deutschen Gleichklangs von Leid und Lied...

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