Wer baut, gibt Zeugnis von sich selbst. Vor einem Vierteljahr untersuchte Siegfried Giedion, Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Hochschule in Zürich in einer Artikelfolge in der ZEIT (die seinem Buch "Architektur und Gemeinschaft",Rowohlt-Verlag, entnommen war), wieweit das ewige Bedürfnis der Menschen noch vorhanden ist, Symbole zu formen für unsere Taten, Monumente zu schaffen, die – wie das lateinische Wort sagt – spätere Generationen an uns erinnern.

Tatsächlich werden wir uns vielleicht nicht zu schämen brauchen. Die Stadtplaner unter den heutigen Architekten leisten Besseres als ihre Vorfahren in der Gründerzeit. Nur darüber mögen spätere Generationen vielleicht lächeln, in welch engen und vor allem niedrigen Puppenstuben wir gehaust haben. Immerhin besteht nach den ersten, eiligen Nachkriegsbauten jetzt die Tendenz zur Vergrößerung der Wohnungen. Mit unserem Jahre Null waren wir auf den Ursprung eines Höhlendaseins zurückgefallen, aus dem wir uns nun langsam wieder befreien.

Seit der "Menschwerdung des Menschen" hat er die Entwicklung von seiner Flucht vor der Natur in die Höhle, die er im Laufe der Jahrtausende immer komfortabler, immer prächtiger gestaltete, bis zu den städtischen Gemeinwesen der Antike und des Mittelalters durchgemacht. Es folgte die Eroberung der Natur. Die Baukunst der Renaissance schuf einen Haustyp, der sich in Verwandlungen bis zur Gegenwart erhalten hat: die Villa, ein Haus in der Natur um der Natur willen.

Die technische Naturbewältigung und sentimentale Naturhingabe bestimmen die Kulturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Aber unter dem Druck der Bevölkerungsvermehrung und der Industrialisierung entstanden die Mietskasernen, und in den Slums der Großstädte begann von neuem eine lichtlose Höhlenexistenz.

Die Perfektion der technischen Entwicklung aber hat die Natursehnsucht neu angefacht. Der "Kampf gegen die verpestete Atmosphäre und die moralische Revolte gegen die Verfälschung der Formen" (Henry van de Velde) ergriff auch die Architektur. Aber durch die Teilung der Städte in den Stadtkern und bestimmte Regionen, in denen sich die technischen Vollzüge konzentrieren, einerseits und die Wohnbezirke andererseits, wurden die Lebensfunktionen der Großstädte zerstört. Die Anhäufung der Arbeitsstätten und Verkehrssignale ohne eine Spur von Gemeinschaftsleben aber läßt keinen Raum mehr für die Entwicklung solcher menschlichen Werte, die nicht in der Isolierung gedeihen.

Die heutigen Städteplaner bemühen sich daher um die Humanisierung der Stadt. Nachdem die berechtigten Forderungen nach einem menschenwürdigen .sozialen Leben für jedermann mehr und mehr erfüllt sind, gilt das Bemühen der Forderung, das emotionale Leben der Massen zu formen. Es sollen wieder Orte entstehen, um zueinander zu finden, wie es einst die griechische Agora, das römische Forum und die mittelalterlichen Marktplätze und Kathedralen waren. Heutige Städtebauer beziehen auch schon die kommende Ausdehnung der Freizeit ein. Sie wollen Möglichkeiten schaffen, den Menschen in einem neuen Gesellschaftsleben Gelegenheit zu schöpferischer Betätigung zu geben.

So sind auch in Deutschland nach dem Kriege neue Stadtteile am Rande der Großstädte, sogenannte Gartenstädte, entstanden oder noch im Entstehen, die sich aus "Nachbarschaften", in sich abgerundeten Wohnzentren, zusammensetzen, aus einem Gemeinschaftszentrum mit Marktplatz, Kirche, Verwaltungshochhaus, aus Gewerbegebieten, in denen die Handwerker gemeinsam untergebracht sind, Sport- und Spielplätzen und Kleingartenkolonien. Manchmal sind es Trabantenstädte in der Nähe von Industriegebieten, die Wohn- und Arbeitsstätten wieder aneinander heranführen.

Ein Beispiel bei Bielefeld ist die soeben in Angriff genommene Sennestadt des Städteplaners Dr. Hans B. Reichow, die 20 000 Wohnungen bereitstellen wird. Die Städte werden mehr und mehr aufgelockert und beginnen zu grünen. Das Altonaer Sanierungsprojekt sieht den Abbruch von Slums und den Neuaufbau eines ganzen Stadtteils von Hamburg vor. Hier lebten bis zu 2000 Menschen auf einem Hektar Land; in den dicht bevölkerten Teilen von Paris, London und Berlin sind es bis zu 1000, während man heute eine Dichte von 220 je Hektar als angemessen ansieht; unter 100 wäre für eine Stadt nicht mehr tragbar, auch 150 noch zu verschwenderisch. Es sollen keine "Dörfer in die Städte" gebaut werden; die befruchtenden Impulse der Großstadt sollen erhalten bleiben. Die Städtebauer sehen ihre Aufgabe vielmehr darin, Stadt und Land miteinander zu versöhnen.