Überall werden uns heute Ratgeber für gutes Benehmen empfohlen, damit wir uns bei unserem lieben Nächsten beliebt machen. – Nun aber hat in England ein Mann genau geschildert, wie man sich unbeliebt macht. Und siehe da: Auch das scheint eine große Kunst zu sein.

Die Kunst, jedermann auf die Nerven zu gehen, lernt sich nicht von heute auf morgen. Es gibt Naturtalente – gewiß. Diese bewundernswerten Geschöpfe brauchen nur einen Satz zu sagen oder zur Tür hereinzukommen, und schon breitet sich eine Welle von Arroganz um sie aus. Aber natürlich darf man sich auf solche Naturtalente nicht verlassen. Wer seinen Mitmenschen konsequent und methodisch auf die Nerven fallen will, blickt sich verzweifelt nach einem Führer um, der ihm die Spielregeln der Überlegenheit beibringt – vergebens. Dennoch gibt es diesen Führer – wenngleich nur in englischer Sprache. Aber von einem Menschen, der wirklich entnervend hochnäsig sein will, kann man schließlich verlangen, daß er einwandfrei englisch spricht.

Der Führer nennt sich Stephen Potter. Am Schachbrett und am Golfplatz hat Potter die Kunst, seinen Gegenspieler zu schlagen, zuerst studiert. Bald übertrug er die Kunst der Eröffnung und der Replik aus der relativ weiten Welt des Golfspielens in die relativ enge Welt des Lebens. Die wahre Kunst der Überlegenheit hat Potter in seinem bisher letzten Werk entwickelt: "One-Upmanship" (bei Rupert Hart-Davis, London), wörtlich also die Kunst, dem anderen immer um eines überlegen zu sein. Selbst eine unverfängliche Weihnachtsgabe wird für den Potterschiiler zum Instrument der "One-Upmanship". Er lernt, daß das Geschenk beim Empfänger das Gefühl hervorrufen muß, er bekomme etwas Besseres, als er selbst geschenkt hat; überdies soll eine nicht allzu sorgsam versteckte Kritik aus dem Weihnachtsgeschenk herauszulesen sein. Man spendet also etwa einer nicht sehr sorgfältig hergerichteten Frau eine Kollektion von Kosmetika.

Potters Ratschläge sind dort am wertvollsten, wo sie sich an eine bestimmte Menschengruppe wenden. So etwa die Doctorship, die er definiert als "die Kunst, dem Patienten überlegen zu sein, ohne ihn geradezu zu töten". Hier lernt der Arzt, wie er die Erzählung seines Patienten zerstreut unterbricht, indem er den Puls zählt oder das Stethoskop an die Brust setzt, gleichsam, um zu bekunden, daß ja derlei laienhafte Reden ihm nicht halb so viel besagen wie das exakte Auskultieren. Ein probates Mittel, die Unterlegenheit des Patienten von vornherein festzulegen, ist umständliches Händewaschen, kaum daß man dem Kranken zum erstenmal die Hand geschüttelt hat Anschließend ermüde man den Patienten durch Erzählen langer Geschichten aus dem sportlichen oder gesellschaftlichen Leben, und erst wesentlich später trage man ihn eventuell nach seinen Beschwerden, doch soll er dabei keineswegs das Gefühl haben, daß seine laienhaften Beobachtungen für die Diagnose von irgendwelcher Bedeutung seien.

Allerdings würde es dem sportlichen Geist der "One-Upmanship" widersprechen, alle Waffen in die Hände des Arztes zu legen. Im Gambit gegen den Arzt kann man also etwa einem Kihd den Satz eintrichtern: "Mama, ich mag diesen Mann nicht" oder auch sich plötzlich vom Untersuchungsstuhl erheben, um das an der Wand hängende Doktordiplom mit kritischer Aufmerksamkeit zu studieren.

Am prächtigsten kann sich die Kunst, anderen auf die Nerven zu fallen, im gesellschaftlichen Leben entfalten, etwa auf einer Abendgesellschaft. Eines der probatesten Mittel dazu ist die Weinkennerschaft. Die Jünger Potters lernen, wie sie nach dem Entkorken den Stöpsel streng anzuschauen und selbstverständlich zu beriechen haben, wie sie den ersten Schluck unter lautem Schmatzen prüfen, wie sie den Wein abwechselnd durch das rechte und das linke Nasenloch beschnuppern und sich schließlich mit dem Gesicht über das Weinglas beugen sollen, um vom entgegengesetzten Rand weg zu trinken.

Ist man selbst Gast, so empfiehlt es sich, das Glas Rotwein mit einer mitgebrachten Stabtaschenlampe vom anderen Ende her zu durchleuchten oder, noch besser, die Serviette in Rotwein zu tauchen und gegen das Licht zu halten Hat man als Gastgeber einen besonders billigen Wein auffahren lassen, so sagt man: "Ich trinke ihn nur aus Sentimentalität. Der Jahrgang war zu seiner besten Zeit hervorragend." Ein ausgezeichneter Satz, mit dem man jederzeit seine überlegene Kennerschaft beweisen kann, lautet: "Das Bukett ist besser als der Geschmack." Man kann aber ebenso gut behaupten, der Geschmack sei besser als das Bukett – es tut der guten Wirkung keinen Abbruch.