Von Paul Hühnerfeld

Daß Medizin und Philosophie zusammengehören, war bis in das 17. Jahrhundert hinein keine Frage. Die großen Ärzte der Medizingeschichte, Empedokles oder Hippokrates, Paracelsus oder Vesalius, waren auch große Denker; aus philosophischer Erkenntnis schöpften sie medizinische Ergebnisse. Erst als Bacon und Descartes für die modernen Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert die philosophische Grundlage legten, wurde das anders: ab nun emanzipierten sich die Naturwissenschaften, allen voran die Medizin, gründlich von der Philosophie, und als man dann die Diphtheriebakterien entdeckte und die Sulfonamide schuf, als der Begriff des Penicillins und des Hormons aus den Laboratorien stracks in die Illustrierten marschierte, da galt es in der Medizin als "romantisch" und damit als "unexakt", wenn sich ein großer Mediziner auch einmal theoretischphilosophische Gedanken machte. Er hatte noch Glück, wenn man über ihn nur lächelte und nicht laut lachte.

Dieser Mangel an philosophischem – man kann auch allgemeiner sagen – theoretischem Bewußtsein charakterisiert nun heute durchaus nicht mehr alle Naturwissenschaften (im Gegenteil: Physik und Chemie zeichnen sich gerade jetzt wieder durch ein hohes theoretisches Bewußtsein aus) – immer aber noch die Medizin. Und so fragt man sich: Ist es heute noch möglich, die naturwissenschaftliche Medizin mit den Methoden des 19. Jahrhunderts zu betreiben? Oder ist die fast zu oft zitierte "Krise dieser Wissenschaft" unter anderem auch eine Krise ihres mangelnden philosophischen Bewußtseins?

Auf diese Frage kann es noch keine endgültige Antwort geben. Aber es gibt Bücher, von klugen, ja, großen Ärzten geschrieben, die auch wieder kluge Philosophen sind, und die uns zumindest an ihrem Beispiel zeigen, wie sich modernes philosophisch-medizinisches Denken äußert. Einer der Ärzte und eines dieser Bücher ist:

Werner Leibbrand: "Die spekulative Medizin der Romantik" (Claassen Verlag, Hamburg, 324 S., 15,80 DM).

Leibbrand, der vor wenigen Monaten 60 Jahre alt wurde, kommt aus der Psychiatrie. Seine Bücher "Der göttliche Stab des Äskulap", "Romantische Medizin" (ein Vorläufer des hier zu besprechenden, ganz neugearbeiteten Buches) und "Problemgeschichte der Heilkunde" wiesen ihn aber schon bald als einen Medizinhistoriker von Rang aus – weshalb er folgerichtig heute Ordinarius für Medizingeschichte an der Münchner Universität ist.

Nun sollte man doch annehmen, daß theoretisches Bewußtsein auch in der Zeit hemmungsloser naturwissenschaftlicher Gründerjahre wenigstens den Historikern der Naturwissenschaft eigen gewesen sei – weit gefehlt: die deutsche Medizingeschichte, die lange Zeit durch Namen wie Henry Sigerist oder Paul Diepgen repräsentiert wurde, war ganz und gar positivistisch und historisierend. Diltheys "Einleitung in die Geisteswissenschaften", in der schon 1883 der Unterschied der geistes- und der naturwissenschaftlichen Forschung klargelegt war, hatten diese Historiker noch 50 Jahre später nicht zur Kenntnis genommen. Das Ergebnis: eine Betrachtung medizinischer Tatbestände und vergangener großer Ärzte, die philosophisch ungenau, philologisch anfechtbar und naturwissenschaftlich unbefriedigend war.