Ich möchte unter all diesen Bekanntschaften von dem Ingenieur erzählen, der mich während einer Fahrt auf dem Yangtse plötzlich in tadellosem Deutsch ansprach. Er hatte in Karlsruhe technische Wissenschaften studiert, hatte unter der Kuomintang-Regierung eine hohe Stellung eingenommen und im Jahre 1948, kurz vor deren Zusammenbruch, noch eine Studienreise durch die Schweiz und Deutschland gemacht. Die kommunistische Regierung hatte ihn übernommen und brauchte ihn nun, Fabriken in seinem Spezialgebiet – Instrumentenbau – auf die Beine zu stellen. So hatte er eine in Yunnan gebaut, dann eine in Tschungking, und jetzt war er eben im Begriff, nach Peking zu fahren, um dort wieder eine neue zu übernehmen. Das war ein gebildeter Mann, der viel gesehen hatte und vergleichen konnte. Ich redete offen mit ihm über alles, was mir an der Pekinger Regierung gefiel und mißfiel. Der Mann hatte trotz seiner kapitalistischen Vergangenheit gar keine Angst; er erzählte mir offen, wie schwer es ihm falle, mit seinem Gehalt von nur 200 Yuan (350 DM) seine Familie zu erhalten. Aber hinter all dieser Kritik im Detail fühlte ich doch, daß er prinzipiell voll und ganz den Weg bejahte, auf dem sich China heute befindet. Er mochte unter den Opfern, die von ihm verlangt wurden, stöhnen; er hatte aber das Gefühl, daß sie nicht umsonst waren, daß eben die Mittel, die die Regierung durch niedrige Löhne und hohe Preise aus dem Volk herauspreßt, produktiv angelegt werden. Es war eben eine Roßkur, bei der es auf die Zähne zu beißen galt, bis sich bessere Tage ankündigten.

Ich glaube, daß diese Haltung in China ziemlich allgemein gilt: noch ist kein Raum für Glück, wohl aber für Hoffnung, und das ist schon halbes Glück. Ich habe diese grundsätzliche Bejahung sogar bei Leuten gefunden, die nicht nur materiell, sondern auch seelisch unter der kommunistischen Zwangsjacke fast ersticken. "Unsere Generation", erklärte mir ein ehemaliger Schanghaier Rechtsanwalt ganz offen, "ist natürlich unselig. Wir sind an eine andere Atmosphäre gewöhnt, wir können diesen neuen Lebensstil nicht ertragen. Und doch: er ist eben der Weg, der China innenpolitisch Ordnung und Weltgeltung nach außen gebracht hat. Wir Alten gehen zugrunde, aber die neue Generation wird ihn ohne Qual akzeptieren und unter den neuen Normen leben. Auf uns kommt es nicht mehr an." Konsequenz: dieser Mann, der den Kommunismus nicht riechen kann, arbeitet doch für die Kommunisten.

Hier gelangen wir zum Punkt, wo sich eben die chinesische Mentalität grundsätzlich von der europäischen scheidet und wo eben die politischen Phänomene in reine Gegensätzlichkeiten auseinanderbrechen. In Europa gilt es als ehrenvoll, für seine persönliche Meinung zu kämpfen und nötigenfalls sogar dafür unterzugehen. Für die Chinesen als politische Pragmatiker ist das völliger Unsinn. Eine Regierung, die die Macht besitzt und sich durch Erfolge ihrer würdig erweist, ist von vornherein im Recht: sie besitzt das Mandat des Himmels. Ihr zu widerstehen, ist nicht nur dumm, sondern sogar unmoralisch. Selbst wenn man sie nicht liebt.

Lao-tse lehrte, daß das Weiche stärker ist als das Harte, daß es sich also empfiehlt, eher nachzugeben, als Widerstand zu leisten, daß im Nachgeben die Möglichkeiten der Verwandlung bestehen, die im sturen Widerstand verspielt werden. Diese alte Weisheit, die weniger eine Lehre als eine Geisteshaltung ist, lebt in den Chinesen immer noch weiter. Die Zahl jener Leute, die in Opposition stehen, ist gering, die Zahl jener, die akzeptieren, was von der einfach durch ihre Existenz rechtmäßigen Obrigkeit geboten wird, überwältigend. Das wurde mir auch auf interessante Weise durch in China tätige Spezialisten aus den europäischen Satellitenstaaten bestätigt, die im Herzen anders denken, als ihre Staatshäupter. "Bei uns ist die Fronde allgemein", erklärten sie mir. "Wenn die überwältigende Mehrheit des Volkes gegen die Regierung steht, nützt aller Terror nichts, weil der allgemeine Wille da ist, den Ungehorsam zu fördern und sich gegenseitig aus den Maschen zu helfen. Hier in China aber paßt jeder auf, daß der andere in den Maschen bleibt." Das stimmt. Man möchte den Sartreschen Satz L’enfer, c’est les autres aus Huit clos auf die politische Situation Chinas übertragen: die Polizei ist der nädiste Mitmensch. Jeder paßt auf, daß der andere bei der Stange bleibt. Das ist in gewisser Hinsicht eine Hölle und in anderer ein sehr positiver Zustand; es hat sich eben etwas gebildet, was dem Chinesen vorher abging: das Bewußtsein einer kollektiven Verantwortlichkeit, die über den einzelnen und über die Familie hinausgeht.

Dieser Prozeß war nicht aufzuhalten, wenn China zu einem modernen Staat werden wollte, obwohl er sich vielleicht auf eine andere Weise hätte vollziehen können. Die alten konfuzianischen Formen waren ja seit Jahrzehnten erschüttert und in der Kuomintang-Periode recht eigentlich verfault. China hatte eine neue Ideologie nötig. Und als diese Ideologie hat sich der Kommunismus angeboten und China rot gefärbt, ob es nun uns westlichen Individualisten gefällt oder nicht. Sein System hat auf dem materiellen Gebiet Erfolge erzielt: das sieht selbst ein oberflächlicher Reisender aus dem Fenster seines Zuges, wenn er statt halbverhungerter Arbeiter in zerfetzten Kleidern leidlich angezogene Bauern auf den Feldern arbeiten sieht. Auf geistigem und seelischem Gebiet ist die Bilanz zwar anders; ich möchte sagen, daß heute die geistige Elite Chinas innerlich darbend und in Fetzen herumwankt.

Für die Masse der Chinesen war auch der alte Konfuzianismus ein rigoroses System, das jeden in ein unsichtbares Joch von Pflichten und Rechten einspannte. Früher fürchtete man sich vor dem Großgrundbesitzer, heute vor dem Kommissar. Früher forderten die bösen Geister Opfer, heute der Produktionswahn. Die Summe von Glück und Unglück bleibt immer dieselbe: ein neuer Kosmos und neue Fetische sind an Stelle der alten getreten. Die intensive Gehirnwäsche hat die Annahme eines neuen Systems von Werten fertiggebracht, nach denen sich jedermann in gewissem Sinne "freiwillig" richtet.

Ich habe mich in China immer und immer wieder an die Atmosphäre von Israel im Jahre 1948 erinnert gefühlt (wenn auch damit natürlich das echte demokratische Gefühl dieses kleinen Landes nicht mit der Pekinger Autokratie gleichgesetzt werden soll), aber: in beiden Ländern schien mir das Bewußtsein eines totalen Neubeginns aus alten Menschen. neue gemacht zu haben. In China läßt sich daraus die neue Ehrlichkeit ableiten, zum Teil auch das ängstliche Streben der Beamten, unter allen Umständen "richtig" zu handeln. Gewiß, die Vermischung mit Terror, Borniertheit und Fanatismus entstellt das Positive im neuen China oft bis zur Unkenntlichkeit. Aber hinter allem Deprimierenden liegt das für die Chinesen Hoffnungsvolle eines Aufbruchs. Ich könnte mir denken, daß, wäre ich Chinese, ich mit zusammengebissenen Zähnen den Weg nach Peking wählen würde, eben weil dort etwas vorgeht, was an Tieferes appelliert, als an die Individualität. Aber ich danke Gott, daß ich kein Chinese bin.