Ein Augenzeuge berichtet von dem Zusammenstoß der "Andrea Doria" mit der "Stockliolm"

Von Klaus C. Dorneich

Der Untergang des italienischen Ozeanriesen "Andrea Doria", der in der letzten Juli-Woche vor der Küste Amerikas mit dem schwedischen Schiff "Stockholm" zusammenstieß, wird als eine der größten Katastrophen der Seefahrt im Gedächtnis der Menschen bleiben. Ein deutscher Student, der sich an Bord der "Andrea Doria" befand und von einem Rettungsboot der "Stockholm" aufgenommen wurde, schildert hier die dramatischen Augenblicke der Zerstörung,Verzweiflung und Rettung.

Unsere stolze "Andrea Doria" liegt offensichtlich in ihren letzten Zügen. Schweigend verharren wir Schiffbrüchige und die Passagiere der "Stockholm" an der Reeling. Der Schrecken der Nacht steht noch deutlich auf allen Gesichtern. Viele sind nur mit dem bekleidet, was sie zur Zeit des Schiffbruchs anhatten, manche haben nur notdürftig eine Decke um sich geschlungen ...

Die "Andrea Doria" hat sich inzwischen ganz auf die Seite gelegt, umgeben von einem Kranz all der Schiffe, die uns zu Hilfe gekommen sind. Anscheinend ist sie nicht mehr zu retten, denn vor kurzem hat auch der Kapitän das Schiff verlassen. Langsam beginnt das Vorderteil des Ozeanriesen abzusacken, und das Heck hebt sich plötzlich steil aus dem Wasser. Über dem Wrack kreisen ununterbrochen die Maschinen der amerikanischen Coast Guard, und auch die Hubschrauber der Navy suchen noch immer nach Schiffbrüchigen. Der Todeskampf der "Andrea Doria" scheint seinem Ende entgegenzugehen. Noch einmal bäumt sich das Heck auf, und dreht sich wie rasend um die eigene Achse. Noch einmal können wir die großen Goldbuchstaben am Heck des Schiffes lesen. Dann bezeichnet nur noch ein brüllender und schäumender Gischtfleck die Stelle, wo das Flaggschiff der italienischen Amerika-Linie vor der amerikanischen Küste ein frühes Ende fand.

Ich schaue auf die Uhr, es ist genau 10 Uhr 10 amerikanischer Zeit, beinahe elf Stunden nach der großen Katastrophe.

Wir können es fast selbst noch nicht glauben, zu schnell ist alles gekommen. Noch am Nachmittag, als der Nebel heraufzog, saß ich mit meinen österreichischen Freunden an Deck, und während das Schiff sein Nebelhorn erklingen ließ, sprachen wir von der "Titanic"-Katastrophe und zitierten das Wort: "A night to remember". Solch eine Katastrophe kann doch heutzutage nicht mehr passieren, so war unsere einmütige Auffassung.