Man stelle sich einmal vor, eine der in der Welt bekannten elf Exemplare der Blauen Mauritius, jener sagenhaften Briefmarke, die, 1847 gedruckt, heute selbst unter Brüdern nicht unter 100 000 Mark zu erstehen ist – eine solche Briefmarke also verschwände. Es würde Aufsehen ohnegleichen machen; nicht zu Unrecht übrigens. Und eine Suchaktion rund um den Erdball würde einsetzen, und dauerte sie jahrelang! Nichts dergleichen ereignete sich, als die berühmte Kupferstichsammlung des Wiener Industriellen Rudolf Ritter von Gutmann spurlos in den Wirren des letzten Krieges verschwand. Man hat bislang von keiner Suchanzeige gehört.

Vier bedeutende private Kupferstichsammlungen entstanden in den Jahren von 1890 bis 1914. Es war dies eine Zeit, in der die großen Sammlerpersönlichkeiten besser gedeihen konnten als heute, jene – natürlich nicht armen – Männer, die ein Leben lang Kostbarkeiten zusammentrugen. Vier von ihnen, John Pierpont Morgan aus New York, Baron Edmond Rothschild aus Paris, Otto Gerstenberg aus Berlin und Rudolf Ritter von Gutmann aus Wien, galten als die Kupferstich-Fans jener Tage, und keine nur irgend wichtige europäische Kunstauktion wäre denkbar gewesen, auf der diese vier sich nicht heftige Kämpfe geliefert hätten.

Was aus ihren Sammlungen wurde – die Kunstwelt weiß es in drei Fällen genau: Die Kollektion des New Yorker Millionärs Morgan, der sich vor allem auf die Radierungen Rembrandts spezialisiert hatte, wurde nach dem Tode seines Sohnes zusammen mit der berühmten Morgan-Bibliothek der amerikanischen Öffentlichkeit gestiftet. Baron Rothschild hinterließ seine umfangreiche Sammlung dem Louvre in Paris,-und die Kupferstichsammlung Otto Gerstenbergs, des Direktors einer Berliner Versicherungsgesellschaft, wurde in den zwanziger Jahren nach Amerika verkauft und dort auf verschiedene öffentliche Sammlungen aufgeteilt. Tiefes Dunkel aber liegt über den Gutmannschen Schätzen.

Der Wiener Rudolf Ritter von Gutmann galt als einer der feinsinnigsten Kunstkenner seiner Zeit. Auf den Versteigerungen großer europäischer Sammlungen (Perry 1908, Baron Lanna 1909, Theobald 1910 und Peltzer 1913) sowie auf Londoner Versteigerungen erwarb er das Kostbarste und Schönste, was es an Kupferstichen alter Meister nur gab. Seine besondere Liebe galt – wie die Morgans – den Radierungen Rembrandts, von denen er eine Fülle seltener und ausgewählter Drucke seiner Sammlung einverleiben konnte.

Alle diese Kostbarkeiten, die in den Kupferstichkabinetten der Welt ihresgleichen suchen, sind verschollen. Oder lebt irgendwo irgend jemand, der Auskunft über ihren Verbleib geben oder doch mindestens auf ihre Spur weisen könnte? Gleichgültig, wem sie heute gehören: Man sollte zu erfahren suchen, was mit ihnen geschehen ist. h. g.