Von Gerrit Engelke gab es noch ein genaues Lebensbild und Gedichte in Anthologien, von August Stramm ein paar Erinnerungen an sein Leben, von Jakob Haringer zumindest Bruchstücke seines irdischen Lebenslaufes, von Ernst Blaß aber, dem Dichter, dem wir uns heute nach diesen drei genannten in unserer Porträtreihe zuwenden, von Ernst Blaß konnten wir noch nicht einmal mehr ein Photo auftreiben, damit unser Zeichner ihn für unsere Leser porträtierte. Der Mann, der noch keine 20 Jahre tot ist, ist völlig vergessen. Seine Spuren – denen Karl Ludwig Schneider, der Autor dieses Porträts nachgegangen ist – sind nicht mehr so ausgeprägt, daß wir das ganze Leben des Dichters daraus rekonstruieren können. So muß dies Porträt notwendigerweise ein Fragment bleiben.

Wer heute mit der Dichtung von Ernst Blaß näher bekannt werden möchte, dem bleibt wohl nur der Weg, geduldig und wachsam alle Antiquariatsangebote zu studieren. Nach langem – möglicherweise jahrelangem Suchen mag ihm dann der Zufall den einen oder anderen der vier schmalen Gedichtbände zuspielen, die Blaß zwischen 1912 und 1921 veröffentlicht hat. Nicht sehr viel besser steht es mit den Möglichkeiten, Näheres über die Persönlichkeit des Dichters in Erfahrung zu bringen. Obwohl Blaß in seinen Anfängen der expressionistischen Bewegung zugehörte und später in Heidelberg die Zeitschrift Die Argonauten herausgab, entfallen auf ihn selbst in den gründlicheren Gesamtdarstellungen des Expressionismus nicht mehr als ein paar nichtssagende Worte. Man muß zu alten Literaturkalendern und allgemeinen Nachschlagewerken greifen, um auch nur die wichtigsten Lebensdaten dieses gründlich Vergessenen zu ermitteln. So findet man denn endlich im "Wer ist’s" der zwanziger Jahre folgende Angaben:

Ernst Blaß. Dr. jur. Geboren 17.10.1890 in Berlin. Vater Fabrikant. Verheiratet mit Irma Hirschberg. Wilhelm-Gymnasium Berlin. Universitäten Berlin, Freiburg Br., Heidelberg. 1915 promoviert. 1915-1920 Dresdner Bank in Berlin. 1921-1923 Tanzkritiker beim Berliner Börsen Courier. 1924 Mitarbeiter Berliner Tageblatt (Filmkritik und Feuilleton). Ab 1924 Lektor des Verlags Paul Cassirer.

Und dies waren seine Veröffentlichungen:

Die Straßen komme ich entlang geweht. Ge- – dichte. Heidelberg 1912; Die Gedichte von Trennung und Licht. Leipzig 1915; Gedichte von Sommer und Tod. Leipzig 1918; Der offene Strom. Gedichte. Heidelberg 1921; Über den Stil Stefan Georges. Heidelberg 1920; Das Wesen der neuen Tanzkunst. Weimar 1921; Essay über Paul Ernst in: Weltliteratur der Gegenwart. Herausgegeben von Ludwig Marcuse. Leipzig, Wien, Bern 1924.

Diese karge Datenaufreihung ist heute nur um wenige verbürgte und tragische Angaben zu ergänzen: Ernst Blaß erblindete vollständig und starb 1938 an Tuberkulose. Die einzige selbständige Publikation, die er noch veröffentlichen konnte, erschien 1938 in Berlin beim jüdischen Buchverlag (Bücherei des Schocken Verlages). Es handelte sich um eine Übersetzung von Byrons "Kain".

Von den Lyriksammlungen des Ernst Blaß hat sein Erstling, "Die Straßen komme ich entlang geweht", die stärkste Beachtung gefunden. Dieses 1912 erschienene Bändchen hatte ohne Zweifel neben den ersten Veröffentlichungen Heyms und Benns bedeutsamen Anteil an der Entfaltung der expressionistischen Lyrik. Hier ist unter unverkennbarer geistiger Einwirkung des Freundes Kurt Hiller der Großstädter und seine nervöse Erlebnisart" rigoros in den Mittelpunkt gestellt worden: