In der Monde ist folgende amtliche Mitteilung zu lesen:

"Man erfährt, daß das Mittelmeergeschwader unter dem Befehl von Admiral Pierre Barjot sich auf der Reede von Toulon versammelt hat... Befehle zum Auslaufen sind gegeben worden, aber das Ziel ist im Augenblick noch unbekannt." In Malta stehen Teile der englischen Flotte unter Dampf und der Flugzeugträger "Theseus" wurde in das Mittelmeer entsandt.

Der einfältige Zeitgenosse, der geglaubt hatte, der Kalte Krieg sei vorüber und der in Deutschland sogar bereit war, das Gebäude der deutschen Zukunft auf das dünne Eis der "Entspannung" zu bauen, ist einigermaßen verwundert. Auch ganz und gar nicht naive Zeitgenossen stellen sich die Frage, was das eigentlich soll. Selbst wer das Zeitgeschehen in allen Einzelheiten verfolgt, kann nicht sagen, ob die vereinigten Flotten Frankreichs und Englands eingesetzt werden sollen, um den Oberst Nasser zu zwingen, auf einer internationalen Konferenz zu erscheinen, die ihn auf den Grundsatz einer internationalen Konvention über den Suezkanal festlegen soll, oder vielleicht nur, um ihn zu nötigen, die Kanalgebühren wieder an die alte Gesellschaft zu zahlen.

Man erinnert sich an einen ähnlichen Aufmarsch der Flotten im September 1935. Auch damals wurde der Weltöffentlichkeit mitgeteilt – als Mussolini sich zur Eroberung Abessiniens anschickte –, daß die Flotte Seiner Majestät im Mittelmeer zusammengezogen worden sei. Die Flotte kreuzte zwar im Mittelmeer, aber inzwischen fuhren die Truppentransporte Mussolinis durch den Suezkanal, an dem damals noch Truppeneinheiten Englands stationiert waren. Italien zahlte brav die Gebühren an die Suezkanalgesellschaft. Sie hatte ein fettes Jahr. An jedem italienischen Soldaten verdiente sie, der da ausgesandt wurde, um Englands Vormacht im Mittelmeer zu brechen. Der Suezkanal war ja frei für jeden, der bezahlte.

Hitler war im ersten Augenblick der Ansicht, daß Mussolini in sein Verderben renne. England brauche ja nur – meinte er – mit einem kleinen Finger den Schlagbaum am Suezkanal herabfallen lassen und dann sitze das italienische Heer in Abessinien wie in einer Mausefalle gefangen. Nichts davon geschah. Die verhängnisvolle Unterschätzung Englands durch Hitler begann damals, als England erlaubte, daß die italienischen Truppen zur Eroberung Abessiniens den englischen Soldaten an der Nase vorbeifahren durften. Jetzt flattert wieder die Fahne im Winde, wieder durchfurchen die stahlgepanzerten Riesen das Mittelmeer, und vom graublauen Himmel heben sich die Silhouetten der Kanonenrohre ab. Wofür und wohin fahren sie nun?

Man weiß nicht einmal, auf welchen Rechtstitel sich die zusammengezogene Flotte berufen will. Als England dort noch Besatzungsmacht war, wäre es einfach gewesen, es hatte damals Auftrag und Recht, über die Interessen der europäischen Kolonie im Lande zu wachen, über die legitimen und auch monströsen zugleich. Jetzt sind die Regierungen gar nicht einmal so unmittelbar betroffen. Der Oberst Nasser hat sicherlich mit schnöden, eines Gentleman keineswegs würdigen Mitteln der Suezkanalgesellschaft ein Ende machen wollen, die an sich ein monströses Gebilde aus dem versunkenen kolonialen Zeitalter war und die dem ägyptischen Volk einen auch nur entfernt angemessenen Anteil an den Gebühren des Suezkanals verweigerte.

Bis jetzt ist nicht mehr – allerdings auch nicht weniger – geschehen, als daß Oberst Nasser erklärt hat, er möchte das Geld haben, das bisher die Suezkanalgesellschaft einstrich. Es ist kein sonderlich edles Verlangen, aber auch nicht etwas so Verruchtes, daß man dagegen Kriegsflotten in Bewegung setzen dürfte. Wenn es sich nur um die Bezahlung der Kanalgebühren handelt, dann sind Soldaten schlecht am Platz. Denn Soldaten sind schlechte Gerichtsvollzieher.