Paris, im August

Frankreichs Einstellung zum Suez-Konflikt unterscheidet sich grundsätzlich von der aller anderen in Mitleidenschaft gezogenen Nationen. Mag es anderen ebenfalls um mehr als bloß den Kanal gehen – für Paris zählt vor allem, daß es in Algerien Krieg führt und der feindliche Generalstab in Kairo sitzt. Endet der Konflikt mit einem Erfolg für Nasser, so dürfte für Frankreich der endgültige Verlust Nordafrikas nur noch eine Frage der Zeit sein. Sultan Mohammed V. in Marokko und Ministerpräsident Bourguiba in Tunesien, die Kurs auf eine Zusammenarbeit mit Frankreich nahmen, dürften dann dem Ansturm ihrer von Nasser protegierten innenpolitischen Gegner nicht mehr lange gewachsen sein. Und noch katastrophaler wäre die Auswirkung auf Algerien.

Hier scheint der Suez-Konflikt die für Frankreich wohl größte politische Chance seit Jahresbeginn zerstört zu haben, ehe man auch nur versuchen konnte, sie zu nutzen. Wenn Lacoste auch bisher ein entscheidender militärischer Schlag gegen die Befreiungsfront nicht geglückt ist, so ist diese doch in letzter Zeit arg an die Wand gedrückt worden. Das hatte die Stellung des als letzter nach Kairo emigrierten Ferhat Abbas gestärkt, der trotz aller seiner Enttäuschungen immer noch als Exponent des gemäßigten, auf Ausgleich mit Frankreich bedachten Flügels des algerischen Nationalismus angesehen werden kann. Als Ferhat Abbas kürzlich die recht aufgeschlossene Tagesordnung des Liller Kongresses der französischen sozialistischen Partei – also der französischen Regierungspartei – als annehmbare Basis für Verhandlungen bezeichnete, billigte die Befreiungsfront diese Stellungnahme. Aber die Genossen Minister ignorierten die Empfehlungen ihrer Partei – und Ferhat Abbas ist heute, da sich abzeichnet, daß Nassers Gewaltstreich nicht ohne Aussicht ist, anscheinend bereits ein erledigter Mann.

Für Frankreich steht ferner das gesamte Kolonialreich im "schwarzen Afrika" auf dem Spiel. Nasser ist ja gezwungen, seine innenpolitischen (und hauptsächlich wirtschaftlichen) Schwierigkeiten durch Expansion zu überbrücken Und der ägyptische Diktator hat zur Genüge durchblicken lassen, wie er sich diese Expansion vorstellt: Ägypten soll die Führung des sich emanzipierenden afrikanischen Kontinentes übernehmen.

Das sind die Gründe, weshalb Ministerpräsident Mollet bei seinem Versuch, Nassers Gewaltstreich entgegenzutreten, sämtliche politischen Kräfte seines Landes von Poujade bis Mendès-France hinter sich hat. Daß dabei die Kommunisten als einzige zu Nasser stehen, ist nur ein weiterer Schritt dieser Partei aus den unerfüllten Volksfronthoffnungen zurück in die Isolation einer Partei, die "nicht mehr mitspielt, sondern nur noch nein sagt". Und das kommunistische Argument, man solle nicht die "Suez-Milliardäre" unterstützen, kann beim Kenner nur ein Lächeln hervorrufen: die Suez-Aktien waren in Frankreich von jeher in starkem Maße gerade ein Reservat des mittleren Sparers...

Die Gefahr für Frankreich ist nun allerdings, daß die Suez-Affäre für den "Mann auf der Straße" gleichwohl abstrakt bleibt und von ihm nicht als "seine Sache" empfunden wird. Das Wort "sollen wir für Suez sterben?" beginnt schon herumzugeistern. Die verhältnismäßig kleine Schicht, welche die Politik macht, hat also wieder einmal nicht den geschlossenen und aktiven politischen Willen des Landes hinter sich. Diese Rückendeckung wäre aber bitter nötig, falls Ägypten nicht nachgibt und Frankreich die bisher gefallenen scharfen Worte gegen Nasser gemeinsam mit den Engländern durch eine militärische Aktion unterstreichen müßte. Denn, sollten jene Worte sich als bloße Rhetorik erweisen, so käme das einer Niederlage gleich, deren Folgen wohl allein denen des Zusammenbruchs von 1940 vergleichbar wären.

Armin Mohler