So scheiterte ein Gespräch

Was die Aufforderungen der Sowjetzonalen "Deutsche an einenTisch!" und "Laßt uns offen reden!" wert sind, zeigt eine Geschichte, die sich diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs unter Studenten abspielte. – Im November 1955 hatte Werner Gerbeth, Sekretär des Zentralrats der FDJ, in der sowjetzonalen Studentenzeitung "Forum", geschrieben: "Ich schlage vor, daß die deutschen Studenten mit einem offenen, ehrlichen Meinungsaustausch großen Stils beginnen ... Eine wirklich ehrliche, freimütige, offene Aussprache kann aber nur geführt werden, wenn sie unter den gleichen Bedingungen möglich ist." Im Februar 1956 richtete das gleiche "Forum" dann in einem "offenen Brief" folgenden Vorschlag direkt an die Frankfurter Studentenzeitung "Diskus": "Wenn Sie, liebe Kommilitonen vom ‚Diskus‘, eine wirklich freie Aussprache wollen – von uns aus kann sie sofort beginnen. Wir wollen Ihnen behilflich sein im Kampf um das freie Wort."

Nach langen offiziellen und inoffiziellen Vorbereitungen trafen sich am 5. Juli 1956 in Frankfurt die Herausgeber der Studentenzeitungen "Forum" (Ostberlin), "Diskus" (Frankfurt), "profil" (München) und "Studentenkurier" (Hamburg). Sie einigten sich auf einen Artikelaustausch und legten fest, daß jeweils ein Beitrag aus der Sowjetzone und aus Westdeutschland kommentarlos und ungekürzt in den vier Zeitungen abgedruckt werden sollte. Als erstes Thema wählten sie – und zwar auf ausdrücklichen Wunsch des "Forum"-Vertreters – das Problem der Wehrpflicht. Wie vereinbart, erschienen die beiden Artikel – der des sowjetzonalen und der des westdeutschen Autors – in den Julinummern der drei westdeutschen Zeitungen. Der westdeutsche Autor, Udo Kollatz, Redaktionsmitglied des "Diskus", trug unter dem Titel "Entscheidung des eigenen Gewissens" folgende Darlegungen vor, die er vereinbarungsgemäß auch der "Forum"-Redaktion übersandte: "Um es vorwegzunehmen: ich selbst halte nichts von einer Wiederbewaffnung. Es gibt aber viele Leute, die anders darüber denken. Das ,Aufgerollt-werden‘, die Möglichkeit, daß das Staats- und Parteiwesen der DDR eines Tages auch bei uns in der Bundesrepublik praktiziert werden könnte, vermag hier kaum jemand zu begeistern. Es hat keinen Sinn, sich darüber zu täuschen: Bürger, Bauern, Akademiker und vor allem auch die westdeutschen Arbeiter sind weithin überzeugt, daß sie dabei nichts gewinnen, daß sie vielmehr dabei politische und soziale Rechte und Freiheiten verlieren würden. Diese Uberzeugung ist eine politische Realität; über ihre Berechtigung zu streiten, führt daher jetzt nicht weiter. Die Bundesrepublik fühlt sich bedroht. Das ist jedenfalls eine Tatsache, wenn sie auch einen subjektiv von seiner eigenen Friedensliebe überzeugten Nachbarn peinlich berühren mag... Die Abneigung gegen das System der DDR ist in der Bundesrepublik so groß, daß viele es vorziehen würden, sich dessen sogar mit Waffengewalt zu erwehren. Damit ist nicht gesagt, daß ein solcher Konflikt unausweichlich wird; man will nur für ihn gerüstet sein ... Die meisten Studenten dürften den Dingen jedoch ablehnend, zumindest skeptisch gegenüberstehen. Das ist wenigstens mein persönlicher Eindruck... Auch die Linie unserer Redaktionen, die Auffassung der beteiligten Redakteure sind kaum auf einen Nenner zu bringen, eben weil es hier im Grunde um höchst persönliche Gewissensentscheidungen geht."

Das "Forum" hätte diesen Artikel abdrucken müssen. Aber es druckte den westdeutschen Beitrag nicht ab. Statt dessen erschien aufs neue ein "offener Brief" an die drei anderen Redaktionen. Darin heißt es: "Das ‚Forum‘ ist nicht die ‚Deutsche Soldatenzeitung‘. Herrn Kollatz ist sehr wohl bekannt, daß im Gegensatz zu Westdeutschland in der DDR jedwede militärische Propaganda nicht erlaubt ist. Wenn er der Redaktion des .Forum’ daher einen Artikel zusendet, der seinem ganzen Inhalt nach den Befürwortern der Militarisierung Westdeutschlands zu Hilfe eilt, so ist dieser Beitrag von vornherein geschrieben worden, damit er nicht veröffentlicht wird ... Es wird in unserer Zeitung nicht ein einziges Wort für die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Westdeutschland erscheinen ... Bei uns in der DDR ist bekanntlich der Militarismus mit all seinen Wurzeln vernichtet. Wir sind die Heimstätte aller jungen Westdeutschen, die sich dem Zugriff der Militaristen entziehen wollen. Wenn der ‚Diskus’ aus Furcht vor Strafe, aus Sorge vor Repressalien durch Geldentzug, uns die Argumente des Amtes Blank serviert, die man in Westdeutschland kaum an den Mann bringen kann, dann werden wir nach neuen realen Wegen und Formen suchen, die uns über ein offenes Studentengespräch einem freien, geeinten und demokratischen Deutschland näherbringen."

Womit schon wieder eine Aussprache zwischen Deutschen unter den gesamtdeutschen Tisch fiel und aufs neue der Verdacht bekräftigt wurde, daß die Lockungen der Sowjetzonalen nichts sind als Phrasen und Versuche, Dumme zu fangen ...

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