Wer stände nicht den verschiedenen deutschen Akademien mit freundlicher Gesinnung gegenüber, seien sie nun der persönlichen Initiative einiger zum Zusammenschluß neigender Schriftsteller entsprungen oder Nachfolger älterer Gründungen. Denn gerade die Literatur hat in unserem öffentlichen Leben nicht den Platz, der ihr zukommt, und ihre Stimme ist auch da nur selten zu hören, wo die Angelegenheiten des Geistes öffentlich oder gar von Staats wegen behandelt werden. An Aufgaben fehlt es diesen Akademien, die man gerne zu einer einzigen Körperschaft zusammengeschlossen sähe, wahrlich nicht. Um so bedauerlicher erscheint es uns, daß die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung in diesem Augenblick nicht so sehr für die Leistungen ihrer Mitglieder Lob einheimst als dafür, daß sie einen bestimmten deutschen Schriftsteller nicht zu ihrem Mitglied gewählt und ihn sogar abgelehnt hat. Sie ist von einigen deutschen Zeitungen für diese Leistung als "gewissenhaft und konsequent" gelobt worden, es ist ihr sogar "Mannesmut" bescheinigt und "stärkster Beifall" gespendet worden.

Was nun den Mannesmut angeht, so ist er in diesem Fall kaum strapaziert worden, denn der Nichtgewählte – es ist Friedrich Sieburg – ist als scharfer Polemiker im Rahmen unseres deutschen Idylls nicht gerade beliebt, und so haben sich zwar viele Blätter gefunden, die eifrig gemeldet haben: "Sieburg abgelehnt" (als ob er von einem Gremium mit allgemein unbestrittener Autorität "abgelehnt" worden wäre!), aber niemand hat öffentlich gefragt, warum und wieso. Noch weniger hat irgendeine Person oder ein Organ die Verteidigung des darmstädtisch Abgelehnten ergriffen. Daß derselbe Schriftsteller einige Wochen später von der Akademie der Künste, Berlin-Dahlem, die die Tradition der Preußischen Akademie der Künste fortsetzt, zum ordentlichen Mitglied gewählt wurde, darf man wohl kaum als Folge seiner "Ablehnung" – etwa im Stile "Berlin gegen Darmstadt" – betrachten. Im übrigen ist die Öffentlichkeit, von der Interesse für die "Ablehnung" verlangt wurde, mit der Berliner Wahl so gut wie überhaupt nicht befaßt worden. Man meldet das Darmstädtische, verschweigt das Berlinische.

Friedrich Sieburg wird uns nicht böse sein, wenn wir beide Ereignisse nicht für sehr erheblich halten. Aber wir stehen, was Sieburgs Darmstädter Niederlage angeht, offenbar ziemlich allein da, denn sogar die kleinsten Lokalblätter unterhielten ihre Leser mit der Schreckensnachricht (oder Siegesmeldung), daß "Sieburg abgelehnt" sei.

Auch die ZEIT ist durch das große Ereignis rechtzeitig alarmiert worden und hat das ihre getan, sich Klarheit zu verschaffen, ehe sie ihren Lesern, die sich unter Friedrich Sieburg nun wirklich etwas vorstellen können, den dumpfen Schicksalsspruch "Sieburg abgelehnt" verkündete. Der Wirrwarr war groß; eine französische Literaturzeitung und ein Schweizer Blatt wurden als Quelle genannt; mit Anführungszeichen wurde ein loses Spiel getrieben: überall regten sich Gewissenswürmer, die voll Mannesmut den "Beschluß" der Darmstädter Akademie als Schild vor sich hertrugen. Kurzum, es erschien geraten, die Akademie selbst zu befragen.

Die Antwort war, nach so viel übelwollender Indiskretion, wahrhaft verblüffend. Es wurde uns nämlich der Bescheid, daß "die auf den internen Geschäftssitzungen der Akademie behandelten Gegenstände streng vertraulich" seien und daß daher keine Auskunft möglich sei.

Wir sind gern bereit, grundsätzliche Bescheide dieser Art ernst zu nehmen. Doch müssen wir leider feststellen, daß die Akademie nirgendwo dagegen protestiert hat, daß ihr als Institution eine genaue Begründung der Ablehnung Sieburgs in den Mund gelegt worden ist. Ebenso widerstandslos hat sie die Behauptung hingenommen, daß sie in Bezug auf Sieburgs politische Vergangenheit eine "Feststellung" getroffen habe, aus der sogar ein Satz in Anführungsstrichen zitiert wird. So ergeht es den "Gegenständen", die in dieser offenbar sehr gesprächigen Akademie "streng vertraulich" sind. Es ist Sieburgs Sache, sich an die Akademie zu halten, falls diese für irgendwelche "Beschlüsse" verantwortlich ist, deren Inhalt ihn diskriminieren soll. Aber es ist unsere Sache, uns zu wundern, daß die Darmstädter mit uns so diskret und mit anderen so mitteilsam sind.

Vielleicht ist die Erklärung darin zu suchen, daß von uns vorausgesetzt wird, wir hegten für die verspätete Spruchkammertätigkeit der Akademie nicht nur kein Interesse, sondern hielten sie für gegenstandslos, ja sogar für unwürdig. Wir wissen, wer Friedrich Sieburg war und ist. Mag sein, daß er nicht in die Darmstädter Dimensionen paßt und daß er diese und andere Leute mit seiner scharfen Feder mehr ärgert, als für sein Fortkommen durch Vereinszugehörigkeiten. Preise und Ämter gut ist. Unangreifbar ist auch, daß besagte Akademie wählen und nicht wählen kann, wen sie will. Es ist ihr gutes Recht, einen Schriftsteller abzulehnen, der ihr nicht behagt. Aber woher nimmt sie sich das Recht, "Begründungen" und "Feststellungen" in der Welt umlaufen zu lassen, ohne von ihnen abzurücken, und sich gleichzeitig auf die "strenge Vertraulichkeit" ihrer Wahlen zu berufen?