In Bremen hat man mit einem Experiment begonnen, das die Stadtväter wegen ihres eigenen Mutes noch in Atem hält. In vier Jahren will man dort eine Vorstadt bauen, die 10 000 Wohnungen enthalten und 30 – 40 000 Menschen aufnehmen soll. Sie wird 200 bis 220 Millionen D-Mark kosten. Bremen, das von 450 084 Einwohnern im Jahre 1939 (408 493/1948, 432 737/1950) auf 514 814 im Jahre 1966 gewachsen ist, steht in der Wohnungsbautätigkeit an der Spitze; sie ist um 50 v. H. hoher als in anderen Ländern der Bundesrepublik, wo sie im letzten Jahr zum Teil schon wieder sank. Die Stadtplaner, die Jahrzehnte voraus leben, haben die endgültige Größe Bremens auf 800 000 Einwohner taxiert. Wächst die Stadt weiter, so ist das Gebiet des Stadtstaates erschöpft und man müßte dann an Trabantenstädte auf niedersächsischem Gebiet denken. Aber das hat noch Zeit.

Nach der großzügigen Neugestaltung der zerstörten westlichen Vorstadt Bremens, die im Gegensatz zu früher heute viele öffentliche Grünanlagen hat, wird nun der neue östliche Stadtteil in Bremen-Vahr zwischen Golfplatz und Rennbahn entstehen auf einem Gebiet, wo im Augenblick noch das Korn reift, Kühe weiden und sechs Siedlungshäuser die eine unrentable Gründung waren, auf ihren Abbruch warten.

Man will hier einen neuen Weg bei der Erschließung gehen und zuerst die Straßen bauen, um Knüppeldämme und Baustraßen zu sparen. Mitten durch das Gelände führt die belebte Zufahrtstraße zu der Autobahn Bremen–Hamburg, die Franz Schütte-Allee. Sie wird mit einer Verbindungsstraße und zwei Fußgängerwegen überbrückt, denn der Mensch als Fußgänger soll wieder bevorzugt sein in diesem Stadtgebiet. Er wird in herrlichen Grünanlagen herumspazieren können. Jede der fünf Nachbarschaften (zu je 2000 Wohnungen) wird von Grüngürteln gegen den Lärm der kreuzungsfreien Zubringerstraßen abgeschirmt sein. Vier Elementarschulen, Tummelplätze und Kindergärten werden an den grünen Freiflächen der Rennbahn und des Golfplatzes liegen, die Oberschule an dem großen Sportplatz.

Zwei bereits vorhandene Entwässerungsgräben sollen zu mehreren Seen aufgestaut werden. Das Gewerbegebiet der Handwerker schließt den an der Vahrer Straße stehenden Kasernenkomplex von der Wohnstadt ab. Den Lärm der vorbeiführenden Autobahnen sollen zwei Kleingartenkolonien abschirmen. Hier wird es also – in Umkehrung bisheriger Praxis – in den Wohnungen ruhiger sein als im Schrebergarten. Nach Wunsch wird die neue, bisher noch unbekannte Bevölkerung dieser Stadt in zusammengewachsenen zweistöckigen Reihen-Einfamilienhäusern zu fünf Parteien wohnen können (in Abwandlung der beliebten Bremer Eigentumshäuser). Es ist ein besonderer Typ entwickelt worden (Herstellungskosten 25 500 DM), der zu tragbaren Bedingungen erworben werden kann. Einzelheiten sind noch nicht bekannt. Oder die zukünftigen Bewohner können in Mietswohnungen vierstöckiger, achtstöckiger, 14stöckiger oder 20stöckiger Häuser ziehen. Drei Kirchen sind vorgesehen.

Aber nicht mehr die Kirchen, sondern das achtstöckige Hochhaus wird, alles andere, überragend, um die Orientierung zu erleichtern, als Richtpunkt im Zentrum am Marktplatz stehen und – ein Zeichen unserer Zeit in diesem Zukunftsprojekt – die Verwaltung beherbergen. An diesem "Forum" befinden sich auch ein Warenhaus und überdachte Ladenstraßen. Die öffentlichen Grünflächen sollen ein großer, zusammenhängender Garten sein mit Spielecken für die Kinder und stillen Ruheplätzen für die Alten. Hier soll sich das gemeinsame Verantwortungsgefühl entwickeln, das sich in Schonung und Pflege der Anlagen ausdrückt, wie schon in vielen neuen Schulen die Pflege der Gärten in erfreulichem Umfang in Händen der Kinder liegt. Die Pessimisten sehen in diesen "Dörfern in den Städten" neue Klatsch- und Tratschzentren, Optimisten die gemeinsame Betätigung beim Sport und Spiel und das Entstehen einer neuen Gesellschaftsstruktur, wie sich schon aus dem Geist unserer Epoche eine neue Formsprache entwickelt hat, die sich hier sichtbar manifestiert.

Eine Tochtergesellschaft der "Neuen Heimat" der Gemeinnützigen Wohnungs- und Siedlungsbaugesellschaft in Hamburg, die als Dachgesellschaft der gewerkschaftseigenen Unternehmergruppen fungiert und zu der 25 gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften in der Bundesrepublik gehören, die Gewoba (Gemeinnützige Wohnbaugesellschaft Bremen) führt die Bebauung des Vorortes in Bremen-Vahr aus, der vielleicht einmal "Ut-Vahr" heißen wird, weil er außerhalb der Vahr liegt. Die Bremer Architekten Dr. Max Säume und Günther Hafemann und die Hamburger Städtebauer Dr. Ernst May und Dr. Hans B. Reichow planten die Anlage.

Dadurch, daß die Nachbarschaften nicht nur von einem Architekten gebaut werden, wird mehr Farbe und Spannung in diesen Stadtteil kommen, als in mancher anderen Nachkriegssiedlung. Es muß sich zeigen, ob hier, wie an vielen anderen Stellen, des Guten zuviel getan und ein Schritt zu weit gegangen wird bei der modernen "Anbiederung mit der Natur". Die Häuser "ohne Mauern", die großen offenen Fenster, in die jeder hereinsehen kann, sind jeder Intimität, jeder Abgeschiedenheit feindlich. Die geistige Existenz bedarf aber des Gehäuses.