Das schönste Spielzeug, das ich gehabt habe, ist ein Nußknacker gewesen, dem der Unterkiefer fehlte, weil Hertha mal eine Wallnuß mit ihm geknackt hatte, wo der Nußknacker doch bloß für Haselnüsse gemacht war. Er hieß Perkeo, und ich nahm ihn immer mit ins Bett, und sonntags hatte er Ausgang und traf sich mit einem Meerschweinchen, das Josefa hieß. Josefa gehörte Hertha, und Hertha war meine Freundin. Sie lohnte uns gegenüber, sie saß immer in einem Rollstuhl, weil sie ein Gipskleid anhatte, das war zu steif, um sich in ihm zu bewegen. Wir hatten ausgemacht, wenn Hertha stürbe, sollte ich Perkeo mit in den Sarg tun und Josefa zu mir nehmen; denn Josefa war unser Kind.

Hertha hat immer gewußt, daß sie bald sterben würde, sie war nicht traurig darüber, sie sagte, das wäre gar nicht so schlimm, und als sie dann tot war, da hatte sie auch ein ganz liebes Gesicht, und ich wunderte mich nur, daß alle so weinten. Mama war auch ’rübergekommen, sie weinte auch; als sie sah, daß ich nicht weinte, bekam sie böse Augen, und sie sagte, ich wäre herzlos. Am nächsten Tag. nahm ich den Nußknacker und ging zu Herthas Mutter. Ich sagte, ich wollte den Nußknacker jetzt in den Sarg tun. Aber Herthas Mutter schluchzte auf einmal, sie sagte, wie ich so was nur sagen könnte, sie könnte sich gar nicht vorstellen, warum mich Hertha so gern gemocht hätte, ich wäre ja ein furchtbares Kind.

Ich war sehr zornig auf Herthas Mutter; obwohl Mama mich fein gemacht hatte, ging ich nicht zum Begräbnis, sondern ich ging. Kaulquappen fangen an dem Tag, und als ich am Abend dann wiederkam, da hatte ich lauter Entengrütze an der Hose, und der Jackenkragen und die Schuhe waren auch eingesaut, und Vater verhaute mich und Mama bekam wieder böse Augen, und sie sagte, von ihr hätte ich das nicht.

Um sie zu bestrafen, fehlte ich am nächsten Tag in der Schule; ich hatte den Nußknacker in den Ranzen gepackt und ging auf den Friedhof. Ich wußte nicht, wo Hertha lag, aber ein Mann, der auf einem Hügel saß und Kaffee trank, sagte es mir; er nahm seine Schippe auf und-kam mit. Er fragte mich, ob das meine Schwester gewesen wäre. Nein, sagte ich, meine Freundin. So, sagte der Mann, war sie denn nett? Ja, sagte ich, sehr. Schlimm, schlimm, sagte der Mann. Hertha hat keine Angst gehabt, sagte ich. So, sagte der Mann. Ich packte den Nußknacker aus, und ich fragte den Mann, ob er mir seine Schippe mal borgen könnte, ich wollte das Grab aufmachen, den Nußknacker noch in den Sarg tun. Verdammt, sagte der Mann, konntest du das denn nicht früher erledigen? Ich sagte ihm, ich hätte es ja gewollt, aber Herthas Mutter hätte gesagt, ich wäre ein furchtbares Kind, da wäre ich weggegangen, und zum Begräbnis wäre ich auch nicht gekommen. Du hast nichts versäumt, sagte der Mann. Aber wie kriege ich jetzt den Nußknacker ’rein, sagte ich, ich habe es ihr doch versprochen. Stell ihn doch auf das Grab, sagte der Mann. Da klaut ihn jemand, sagte ich, oder Herthas Mutter nimmt ihn uns weg. Verdammt, sagte der Mann, das ist wahr. Ich fragte ihn, ob es denn verboten wäre, das Grab aufzumachen. Eigentlich ja, sagte er. Aber vielleicht, wenn es dunkel ist, sagte ich. Das könnte gehn, sagte der Mann. Ich fragte ihn, wann ich kommen könnte, und er sagte, um sieben.

Ich ging erst gar nicht nach Hause, ich ging an den See, Kaulquappen fangen. Mittags nahm ich etwas Futter aus dem Fasanenhäuschen, das aß ich auf; dann sah ich den Anglern zu, und am Abend fragte ich dauernd, wie spät es wäre, und um sieben ging ich zum Friedhof. Der Mann war schon da; er saß auf einem Hügel und rauchte, seine Schippe lag neben ihm. Wir müssen noch warten, sagte er, es ist noch nicht dunkel genug. Ich setzte mich zu ihm: wir hörten den Amseln zu. Dann kamen die Fledermäuse, und als es ganz dunkel war, sagte er, jetzt könnten wir anfangen. Wir räumten die Kränze weg, dann fing er an zu graben, und ich paßte auf, daß niemand vorbeikam. Der Mann grub sehr schnell. Ich ging solange auf und ab, und auf einmal gab es ein dumpfes Geräusch, man konnte hören, wie die Schippe auf was Hölzernem langschabte. Der Mann fluchte, dann fragte er mich, ob ich sie mir noch mal ansehen wollte. Nicht nötig, sagte ich, ich hab sie im Kopf; er sollte nur den ’Nußknacker ’reintun. Schon geschehn, sagte der Mann. Ich sah, wie er eine Taschenlampe anknipste der Lichtkegel stand einen Augenblick still, dann war das Licht wieder weg, der Mann stieg heraus, und jetzt hörte man auch wieder die Erdklumpen aufschlagen. Als wir die Kränze ordentlich draufgelegt hatten, hob mich der Mann über die Mauer: Wehe, du erzählst einem was! Wem soll ich es denn erzählen, sagte ich. Weiß ich doch nicht, sagte der Mann. So was hätte man nur Hertha erzählen können – aber sonst niemand. Ich bin sehr verhauen worden an dem Abend; und daß der Nußknacker weg war, das haben sie auch gemerkt; ich habe gesagt, er wäre beim Kaulquappenfangen ins Wasser gefallen. Am nächsten Tag ging ich rüber, Josefa abholen. Herthas Mutter war nicht da, das Mädchen sagte, sie wäre auf Wohnungssuche. Ich sagte, sie hätte doch eine Wohnung. Ja, sagte das Mädchen, aber hier erinnerte sie alles an Hertha. Ich verstand sie nicht gleich, ich sagte, ich käme eigentlich Josefa abholen, ich hätte mit Hertha doch ausgemacht, für sie zu sorgen. Josefa? sagte das Mädchen, die hat die Alte an irgend so eine Tierhandlung verkauft. Aber sie gehörte doch Hertha, sagte ich. Eben, sagte das Mädchen. Da verstand ich; ich war jetzt nur froh, daß Hertha noch den Nußknacker bekommen hatte.