Von Eduard Zimmermann

In den Direktionsgebäuden der dänischen oder schwedischen Staatsbahnen kann es heute vorkommen, daß unfreundliche Worte über die schwarz-rot-goldene Flagge der deutschen Bundesrepublik fallen, nicht etwa wegen politischer Spannungen, sondern weil die Flagge der Bundesrepublik dem dänischen Reeder Jörgen Jensen als Schild dient, hinter dem er seinen Kampf gegen die skandinavischen Eisenbahnen führt.

Jensen wird gelegentlich als "der dänische Onassis" bezeichnet. Mit zwei gecharterten Fährschiffen und zwei Kieler Hafendamofern ist seine Firma, die "Skandinavisk Linietrafik", in wenigen Jahren zum gefährlichen Konkurrenten der dänischen und schwedischen Staatsbahnen beim Fährbetrieb über den Sund zwischen Dänemark und Schweden geworden. Bis dahin war der Sund-Verkehr eine Domäne der beiden Staatsunternehmen gewesen. Heute fließt ein Drittel des Ertrags in Jensens Kassen.

Dieser Jörgen Jensen ist der Prototyp eines selfmade man mit Abenteurereinschlag. Er wurde im Herzen Kopenhagens geboren, ist auf Asphaltstraßen und Hinterhöfen großgeworden, als Fünfzehnjähriger der Schule entwachsen und war schließlich Verkäufer in einem Geschäft für Spielzeug und Papierwaren. 1939 ging er als Volontär einer Exportfirma nach Berlin, aber bald darauf, bei Kriegsausbruch, wieder zurück nach Dänemark. Dort versuchte er sich als Spielzeugimporteur, wurde von der deutschen Besatzung des Widerstands verdächtigt und ins Gefängnis gesteckt und versuchte nach der Freilassung sein Kaufmannsglück mit Angelruten und Kaffeemaschinen. Es ging alles nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte.

Endlich kam der große Tag, kam der Film "Vom Winde verweht" – und dieser Wind blies in Jensens Segel. Es war im Jahre 1950, dem dänischen Finanzminister war dieser anglo-amerikanische Film, dessen Leihgebühren in kostbaren Dollar bezahlt werden mußten, zu teuer. Nun unterscheiden sich die Dänen in nichts vom Kinopublikum der übrigen Welt, dem dieser Film seinen Sensationserfolg verdankt. Auch die Dänen wollten ihn sehen. Jörgen Jensen gab ihnen die Möglichkeit: Er kaufte sich für 10 000 geliehene Kronen einen kleinen Dampfer, den er im Hafen der Kopenhagener Tuborg-Brauerei täglich mehrmals mit Kinobesuchern bis auf den letzten Platz füllte. Die setzte er dann über in die schwedischen Stadt Landskrona, wo der Film "Vom Winde verweht" eigens für die Fahrgäste von Jörgen Jensen lief.

So entstand die "Skandinavisk Linietrafik". Und man kann Jörgen Jensen nicht vorwerfen, daß er vergessen hätte, wem er seinen Aufstieg verdankt. Zwei seiner Dampfer tragen den Namen der Scarlett O’Hara aus Margaret Mitchells historischem Roman der amerikanischen Südstaaten: "Hanne Scarlett und "Lilli Scarlett

Der Inhaber des Büros macht zunächst viel mehr den Eindruck eines netten Jungen, der freilich in Gesicht und Taille schon deutlich die Spuren fünfjährigen Wohlergehens trägt, als den eines raffinierten Geschäftsmanns. Vom hageren, blonden Skandinavier der Bilderbücher keine Spur. Ziemlich dunkel ist er, mit schwarzem, kurzgeschnittenem Kraushaar und kleinen, beweglichen Augen. Mit der sentimentalen Dankbarkeit an Darsteller und Romanheldin seines Erfolgsfilms verbindet sich anscheinend ein biederer Familiensinn; denn neben der Scarlett trägt sein erstes Schiff den Namen seiner Mutter "Hanne", sein zweites den seiner jungen Frau "Lilli", einer einst recht vielversprechenden Schauspielerin. Jetzt hat er zwei große Tankschiffe in Auftrag gegeben, je 19 500 t, deren erstes nach seiner Tochter plus unvermeidliche Romanheldin "Linda Scarlett" heißen soll.