F. W., Bad Segeberg

Mitten in der südholsteinischen Seenlandschaft erhebt sich, 91 Meter über dem Meeresspiegel, der Kalkberg von Bad Segeberg. Dieser Kalkberg ist aus Gips. Der Gips wurde abgesprengt, mitten in den Berg ein tiefes Loch. In die Mulde hinein haben die Segeberger eine Freilichtbühne gebaut, wie man sie sich schöner kaum denken kann: ein Zirkusrund, mit Felsklippen als Hintergrund, und ein amphitheatralisch aufsteigender Zuschauerraum, in dem 12 000 Menschen einen Sitzplatz finden.

Auf der Segeberger Freilichtbühne wurde "Tiefland" aufgeführt; Hebbels "Nibelungen" und der "Teil" wurden geplant. Da sagte jemand – das war 1952 –: Karl May! Und heuer führt die Landesbühne Schleswig-Holstein in der "Stadt der Karl – May – Festspiele und der Landespferdeleistungsschau" zum fünftenmal ihre Karl-May-Festspiele auf, nach dem "Winnetou", und ccm "Schatz im Silbersee" nun "In den Schluchten des Balkan", ein Freilichtspiel nach Motiven von Karl May, zusammengeschrieben und inszeniert von Wulf Leisner, dem Intendanten der Landesbühne (vormals Werbeleiter beim Hamburger Abendblatt). Gespielt wird vom 4, August bis zum 3. September, jeweils sonnabends und sonntags 15 und 20 Uhr. "Volkstümliche Eintrittspreise" (Erwachsene auf numerierten Plätzen 4,– DM, Kinder 2,50 DM). Sonderfahrten mit der Bundesbahn, der Bundespost, privaten Autobusunternehmen, Vorverkauf in den Reisebüros ... Fast 300 000 Besucher wurden in den ersten vier Jahren gezählt. Wie Salzburg seinen Mozart, so hat Segeberg seinen Karl May.

Wir kamen zu spät von Hamburg aus an. Markerschütterndes Geschrei und Flintengeknatter empfing uns schon auf dem Parkplatz, auf dem sich ein paar hundert Autos sonnten. Über die Schilfrohrverkleidung hinter den Einlaßpforten stiegen Wolken von Pulverdampf auf, und der Junge Matthias, den ich mitgenommen hatte, meinte besorgt: "Du, paß auf, da unten drin haben se eben gerade alle abgemurkst."

Da unten drin begab sich in der Tat wahrhaft Gräßliches. Kara Ben Nemsi und sein getreuer Hadschi Halef Omar hatten die beiden Schurken Mürabek und Scharka auf ein Pulverfaß gefesselt und befestigten eben die brennende Zündschnur (die der Hadschi dann unbemerkt austreten mußte, bevor die zwei sich aus dem Staube machen).

Wäre nicht zufällig der globetrottende David Lindsey auf seinem Gaul, in kariertem Anzug, engen Hosen, mit Zylinderhut und umgehängtem Regenschirm, des Wegs gekommen, naiv menschenfreundlich, wie er sich nun einmal hat – wer weiß, wie’s ausgegangen wäre!

Der schuftige Köhler Scharka, herrlich schwarz beschmiert mit weiß rollenden Augen, ein Bild von einem Schurken, brüllte wie ein Stier. Er brüllte wahrhaftig so laut und so lange, daß man ihm nicht nur die Folterqualen auf dem Faß glaubte, sondern auch die Heiserkeit nach Schluß der Vorstellung, als er und sein Komplice gerade diese Szene für die Wochenschau noch ein paarmal wiederholen mußten.