Ein moderner arabischer Erzähler

Für viele Abendländer diesseits von Alpen und Rhein besitzt das Morgenland trotz aller politischen Konflikte und blutigen Krisen keine Wirklichkeit. Vor dem Orient des Marokkokonflikts hält sich hartnäckig die zeitlose Märchenkulisse des Orient von 1001 Nacht. Diese Kulisse wird emsig von Fluggesellschaften weiterbenutzt. Wer mit silbernen Maschinen nach Süden fliegt, träumt von jenem komfortablen Reiseland für reiche Touristen, für dessen idyllischen Glanz und Zauber er bezahlt hat und beharrt mit der egoistischen Sentimentalität des Urlaubsreisenden darauf, dies in den Prospekten verkündigte Land der Scheichs, Harems und Haschischraucher vorzufinden.

Diese gefährlichen Erdkunde- und Bilderbuchbegriffe sind schwer zu revidieren, schon deshalb, weil zum Beispiel in Marokko kaum eine einheimische Literatur existiert. Das, was seit dem ersten Weltkrieg, seit dem Anwachsen des Nationalgefühls, entstand, ist gering an Umfang. Es stellt einen neuen Anfang dar, denn seit dem 14. Jahrhundert hat es kaum eine bedeutende Literatur gegeben. Damals wurde arabisch geschrieben – heute benutzen die marokkanischen Schriftsteller die Sprache ihrer ehemaligen Kolonialherren: französisch, und müssen es in Kauf nehmen, daß ihr Werk in ihrem eigenen Lande wohl nur von einer bestimmten Schicht gelesen werden kann. Ein begabter marokkanischer Autor ist Ahmed Sefrioui. Für seinen Novellenband "Die Perlenschnur" bekam er den Preis des Präsidenten der Französischen Union. Sein neuestes Werk ist ein kleiner Roman:

Ahmed Sefrioui: "Das marokkanische Wunderkästlein." Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart. 216 Seiten. 11,80 DM.

Ahmed Sefrioui ist in Fez geboren, seine Eltern sind Berber-Nomaden. Dies überaus poetische Buch berichtet von der Kindheit des sechsjährigen Sidi Mohammed in der Medina, der Araberstadt, von Fez. Die Erlebnisse des Jungen in der Koranschule, auf dem Markt, am Neujahrstag, daheim, in dem weißen Haus mit den vielen Nachbarinnen enthalten sicher viel autobiographische Züge. Es ist das bunte und in seiner Alltäglichkeit eindrucksvolle Bild vom Leben eines sensiblen und phantasievollen Kindes, schlicht und mit einem Hauch von Schwermut erzählt, erfüllt von einem eigentümlichen Zauber, der aus einer Mischung von ernster Naivität und graziöser Erzählkunst besteht.

Der starke Eindruck des Buches besteht auch darin, daß der Autor es vollkommen im Rahmen seiner heimatlichen Tradition beließ und es vermied, die beiden fremden und manchmal feindlichen Welten: Orient und Okzident, miteinander zu konfrontieren. So schrieb er ein marokkanisches Buch – freilich auf französisch. sy