H. Kn., Bogotá, im August

Kolumbiens Hauptstadt am Hange der bis zu dreitausend Meter aufsteigenden Ost-Kordilleren breitet sich wie ein riesiger Teppich auf einer savannenartigen Hochebene aus. Bogotá ist in einem Tempo gewachsen, das kaum eine Kongruenz zwischen Wirtschafts- und Verkehrsentwicklung zuließ. Heute bemüht man sich eifrig, nachzuholen, was versäumt werden mußte. Dazu gehört die Normalisierung öffentlicher Transporteinrichtungen. Obwohl dieser nördlichste südamerikanische Staat seit langer Zeit in enger Handelsverbindung mit Deutschland steht, gelang es erst als Folge dieser Nachholbemühungen auch eine fast als Monopolstellung anzusprechende Vorherrschaft der amerikanischen Kraftfahrzeugindustrie auf dem Gebiete öffentlicher Verkehrsmittel zu durchbrechen. Die städtische Gesellschaft "Tramvia Municipal de Bogotá kaufte nach vorangegangener Studienreise ihrer Leiter durch Europa von der Braunschweiger Büssing Nutzkraftwagen GmbH 200 Unterflurbusse in Sonderausführung und setzte nach der ersten Lieferung ab Dezember 1955 die Busse erfolgreich im Liniendienst der Hauptstadt ein. Inzwischen wurden auch die letzten Fahrzeuge ausgeliefert.

Naturgemäß ergab sich nach dem Bekanntwerden dieser Ablösung vom herkömmlichen Prinzip eine leidenschaftliche Auseinandersetzung in Bogotá, an der im Verborgenen recht unterschiedliche Kräfte teilnahmen. Wie fast immer im überseeischen Ausland, wickelt sich der Konkurrenzkampf unter der Oberfläche jovialer Leutseligkeit keineswegs immer mit der Fairneß königlicher Kaufleute ab. Beliebte Mittel sind Denunziationen, Intrigen und böse Behauptungen. Nun haben zwar auch in Kolumbien wie in anderen Ländern lateinamerikanischer Mentalität solche Mittel kein ähnliches Gewicht wie in Europa, aber: "Steter Tropfen höhlt den Stein". Es kam in Bogotá zu stadtparlamentarischen Debatten, die nach einiger Zeit plötzlich Antwort auf eine Grundfrage wirtschaftlicher Beziehungen zu Südamerika oder überhaupt industriell noch nicht voll entwickelter Länder gaben.

Ein Stadtverordneter erklärte, daß der Ankauf deutscher und in der Qualität kaum zu überbietender Autobusse in Verbindung mit einer Überlegung stehe, die den Wechsel des ökonomischen Systems anstrebe. Wörtlich erklärte Dr. Lopez Hiraldo: "Wir haben bisher immer nur Verkäufer gesehen, die gingen, sobald sie ein Geschäft mit uns gemacht hatten. Es liegt uns aber an Firmen, die für ihre Erzeugnisse einstehen. Das Stadium, wo wir allein vertrauten, ist vorbei. Wir fordern Partner, die Verantwortung tragen." Die den Ankauf zustimmende Entscheidung des Parlaments blieb daraufhin nicht aus.