Der Bremer Aktionär Hermann D. Krages, durch seine letztjährigen hektischen Aktienspekulationen und Protestwirbel auf den verschiedensten Hauptversammlungen hinlänglich bekannt, ist nach einigen Monaten erholsamer Zurückgezogenheit wieder aufgekreuzt. Aber sein neues Debut ist (bisher) von ganz anderer Art. Am letzten Julitag traten Krages’ Vertreter sowohl in der Hauptversammlung der Rheinischen Stahlwerke, Essen, wie in der Deutsche Continental-Gas-Gesellschaft, Düsseldorf (früher Dessauer Gas), auf. Bei Rheinstahl hatte Krages insgesamt 2,9 Mill. DM Aktien angemeldet und mit 2,67 Mill. DM die Entlastung für die Verwaltung durch Stimmenenthaltung verweigert. Bei Conti Gas vertrat Krages von 45 Mill. DM AK 9,3 Mill. oder rund 22 v. H., nachdem er vor der letzten und von ihm durch Protest angefochtenen Kapitalerhöhung unter Ausschluß des gesetzlichen Bezugsrechts der Aktionäre von 9 Mill. DM mehr als 25 v. H. des AK – also eine qualifizierte Minorität – besessen hatte. Daß jene Kapitalerhöhung bei Conti Gas vom Frühjahr 1956 als Nebenerscheinung die Ausbootung einer über 25prozentigen Beteiligung von Krages mit sich gebracht hatte, dürfte durchaus in der Absicht der Verwaltung gelegen haben.

Dennoch hat sich die diesmalige Opposition von Krages auch bei Conti Gas in ruhigen und "zivilen Formen" abgewickelt. Wir erwähnen dies gern, weil wir zu den früheren Gelegenheiten mit unserer berechtigten Kritik an Form und Inhalt der Opposition von Krages nicht zurückgehalten haben.

Bei Rheinstahl stellte der Vertreter von Krages Fragen über Nennwert und Buchwert einzelner Beteiligungs- und Wertpapierpositionen, deren Beantwortung ganz offensichtlich Material für Transaktionen oder Hauptversammlungen anderer Montanunternehmen erbringen sollte. Da Rheinstahl selbst in seinen Beteiligungsverhältnissen noch keinen endgültigen Standort erreicht hat, war die Offenlegung dieser Details auch nicht zumutbar. Der Vorsitzer des Vorstandes, Dipl.-Kaufmann Werner Söhngen, bat daher den Sprecher von Krages und die HV um Verständnis, wenn er Nennwerte, Buchwerte und die Veränderungen in den Bilanzen 1954 und 1955 bei den Beteiligungs- und Wertpapierkonten nicht in allen Einzelfällen vollständig aufdecken könnte. Er erklärte aber, daß die Bewertungen an der "äußersten Grenze dessen lägen, was der Gesetzgeber im dritten DM-Bilanzergänzungsgesetz an Möglichkeiten überhaupt geboten" hätte.

In Beantwortung anderer Fragen war zu hören, daß Rheinstahl für die Ruhrstahl-Transaktionen 9,5 Mill. DM eigene Aktien hergegeben und jetzt nur noch etwas über 4 Mill. DM eigene Aktien hätte. In der Rücklage für Ersatzbeschaffung aus Zwangsverkäufen von 28,9 Mill. DM sei der Gegenwert aus dem Verkauf der Anteile an der August Thyssen-Hütte und Erin-Bergbau enthalten. Werner Söhngen teilte ferner mit, daß noch vor der HV für 1956 eine aoHV stattfinden werde, auf der man neue Konzentrationspläne bekanntgeben wolle. Man könne nunmehr die Projekte eines engeren Verbundes in Angriff nehmen und nach und nach verwirklichen. Rheinstahl strebe ein dezentrales mit betont delegierter Verantwortlichkeit ausgestattetes Organisationsprinzip an. Die Produktionsgesellschaften würden ihre rechtliche Selbständigkeit behalten, die Konzernspitze aber die Führungsaufgaben auf technischem und kaufmännischem Gebiet übertragen bekommen.

Zur Konjunkturlage war zu hören, daß in wesentlichen Teilen der Verarbeitung ansehnliche Rückgänge im Auftragseingang zu verzeichnen seien. Sicher sei man nach wie vor in der Phase der Hochkonjunktur, sicherlich werde auch Rheinstahl wieder ein befriedigendes Ergebnis erreichen und der Bedarf an Kohle, Eisen, Stahl und Walzwerkerzeugnissen steige ganz allgemein; an. Doch sei in einigen Fabrikationszweigen eine fühlbare Rückläufigkeit im Auftragsbestand festzustellen.

Eine fast gleiche Bemerkung erfolgte vom Vorsitzer des Vorstandes von Conti Gas, Dr. Johannes Darge. Er stellte fest, daß im ersten Halbjahr 1956 ein Rückgang des Umsatzes von 18 v. H. gegenüber dem zweiten Halbjahr 1955 zu verzeichnen sei und daß der Auftragseingang bei den Fabrikationsbetrieben sich um 2 v. H. vermindert hätte, statt wie i. V. weiter zu steigen. Man müsse eine starke Abflachung der Konjunktur feststellen und werde daher eine vorsichtige Steuerung der Investitionspolitik betreiben.

Der Anwalt von Hermann D. Krages, Prof. Meilicke, der wenige Tage zuvor auf der HV der Niederrheinische Hütte den IG-Vertrag mit der August-Thyssen-Hütte als höchst nachteilig für die freien Aktionäre bezeichnet und zugleich die Schutzvereinigung für Wertpapiere scharf angegriffen hatte, widersprach bei Conti Gas dem Verwaltungsantrag auf Schaffung von 15 Mill. DM genehmigten Kapitals und kündigte die Unwirksam-Erklärung für die 9 Mill. DM Kapitalerhöhung vom Frühjahr an. Sie sei gegen eine verdeckte Sacheinlage erfolgt, was die Verwaltung bestritt. Man hätte zwar zu 200 v. H. bzw. 210 v. H. das damalige Kapital begeben (es wurde mit 5 Mill. von Elektro-Watt, Zürich, mit 1,1 Mill. von Indelec-Basel, mit 0,5 Mill. von der Deutsche Investment Trust und mit 2,4 Mill. von einer inländischen Gruppe übernommen), aber kein Konkurrenzangebot zu einem höheren Kurs eingeholt, obwohl eine Münchener Bankfirma dazu bereit gewesen wäre. Der tatsächliche Wert hätte bei 266 v. H gelegen. Krages gab gegen die Kapitalerhöhung und gegen die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat Protest zu Protokoll, wobei er nur gegen die Entlastung der Eigentümervertreter stimmte, so daß die Arbeitnehmervertreter einstimmig entlastet wurden. Das ist zumindest etwas sonderbar, da die Beschlüsse des Aufsichtsrates einstimmig gefaßt worden waren. rlt.