Fünfzehn Tage nach Ausbruch des zweiten Weltkriegs hörten die Engländer übers Radio eine Stimme, die ein schönes Englisch sprach, ein Englisch, wie es ein Ausländer, auch nach dreißig Jahren in Lande, nie würde sprechen können. Aber die Stimme kam aus Deutschland, und sie sagte Dinge, die kein Engländer sagen würde. Sie erzählte von den deutschen Siegen im Ton des Jubels, sie beschrieb die Zerstörungskraft der deutschen Stukas, sie prophezeite die englische Niederlage. Das waren Dinge, die die Engländer nicht hören wollten, am allerwenigsten in den dunklen Tagen von Dünkirchen, in denen die Stimme immer siegesgewisser wurde.

Es gab ein Rätselraten, wer der Träger der Stimme sein möge. Bald bekam der unbekannte Mann im Volksmund einen Namen. "Lord Haw Haw" nannten die Leute ihn. wenn sie vor dem Fischladen Schlange standen, und sie unterhielten sich darüber, was er gestern gesagt hatte, und manches von dem, was er gestern gesagt hatte, war leider wahr, aber vieles war falsch, und das Ganze ein großes Ärgernis, – ein Ärgernis mit dem Stachel des Anziehenden.

Nach dem englischen Sieg wurde der Mann nach England gebracht und vor Gericht gestellt. Es entfaltete sich, schon rein juristisch, ein so kompliziertes Drama, daß noch heute nicht alle Hintergründe aufgedeckt sind. Und menschlich wurde ein Mann von so verzwickter, schmerzhafter, vielfach erneuerter Heimatlosigkeit sichtbar, wie sie sich wohl kein Engländer vorher hätte vorstellen können, auch ein Anden nicht mit seinem Wissen um das Zeitalter der Angst.

Zum allgemeinen Erstaunen stellte sich nämlich heraus, daß William Joyce gar kein britischer Staatsangehöriger war, sondern ein Amerikaner. Er hatte das, sofern er es sich je selbst genau klarmachte, immer verheimlicht, und sein Vater, Michael Joyce, hatte es erst recht nicht wahrhaben wollen. Warum diese Geheimnistuerei? Warum die Sucht, englisch, und nicht, wie es den Tatsachen entsprach, entweder irisch oder amerikanisch zu sein?

Das versteht nur, wer sich daran erinnert, daß der heutige Freistaat Eire in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts britischer Besitz war und daß die katholischen Iren sich seit Jahrhunderten im Aufstand gegen England und sein Königshaus und dessen Polizei befanden. Das besondere an der Familie Joyce war nun aber, daß sie – nicht etwa im protestantischen Ulster, sondern mitten im katholischen Irland – fanatisch königstreue Iren waren. Damit war schon ein erster Schritt in die innere Entheimatung getan. Die Familie Joyce und die kleine Gruppe ihresgleichen liebten Ordnung und Gesetz. Ihre Herzen schlugen höher beim Anblick der tadellos uniformierten britischen Soldaten und der schicken Royal Irish Police. Wenn es Revolten gab, standen sie auf der Seite der britischen Uniformen gegen die eigenen Landsleute.

Joyce besaß hohe Intelligenz, er hatte als einer der Besten seines Jahrgangs studiert. In Literatur, Englisch und Geschichte promovierte er summa c. l., und seine Professoren hielten viel von ihm – aber er sah nicht aus wie ein Gebildeter, ein Studierter. Von Statur war er winzig, zwischen den Engländern wirkte er absonderlich und fremd, zwischen den Akademikern, als gehöre er nicht zu ihnen. Wieder mußte er das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein, und dazu ungerecht. Ähnlich stand es auf dem andern Gebiet, dem sein Ehrgeiz sich zuwandte: der Politik. Er fühlte in sich die Eigenschaften zum politischen Führer, er war bereit, Verantwortung zu übernehmen, er hatte organisatorische Fähigkeiten und dazu die Gabe, einer Gefolgschaft Gefühle der Treue einzuflößen. Aber in England gab es eine führende Klasse, in die man hineingeboren war, und zu jener Zeit galt das noch unbedingter als heute.

Joyce hatte liebenswerte, ja charmante Eigenschaften: eine fesselnde Kunst des Erzählens, einen raschen, in seiner Originalität auch überraschenden Witz, ein echtes Interesse für geistige Dinge. Und so war er in den Zeiten, in denen er lehrte, ein ausgezeichneter Lehrer, der die Materie, die er vermittelte, selber liebte und der glücklich war, wenn sie beglückt von seinen Schülern aufgenommen wurde. Seine Lehrtätigkeit wurde immer wieder von den Perioden der Parteitätigkeit abgelöst, – erst in MOSLEYS Union britischer Faschisten, später in der selbst gegründeten nationalsozialistischen Partei. Volksversammlungen, Straßenkämpfe mit den Kommunisten, auch einmal ein Gerichtsverfahren wegen öffentlicher Ruhestörung waren das tägliche Brot, dazu die Redaktion seines Parteiblattes "The Helmsman". in jenen Jahren haben zahllose Menschen in den niederen Einkommensklassen seine Reden gehört. Die Leute mochten ihn leiden, auch wenn sie seine Ansichten merkwürdig fanden. Aber das "Außerordentliche" an ihm zog sie an.