Von Felix Morley

Washington, im August

Am Vorabend der Parteikongresse, die die Präsidentschaftskandidaten nominieren, hat sich die politische Konstellation in Amerika in drastischer Weise verschoben. Ein republikanischer Sieg erscheint jetzt sehr viel weniger sicher, und die Aussichten der Demokraten haben sich erheblich gebessert.

Zunehmende Besorgnis über den Gesundheitszustand des Präsidenten ist noch immer der entscheidende Grund hierfür; fast ebenso wichtig aber ist, daß sich zur gleichen Zeit die demokratischen Reihen fest hinter Adlai Stevenson, dem noblen Verlierer der letzten Präsidentschaftswahlen, geschlossen haben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Stevenson ohne große Schwierigkeiten als Präsidentschaftskandidat nominiert wird, wenn die demokratischen Wahlausschüsse am 13. August in Chikago tagen.

Wahrscheinlich ist aber auch, daß es im anderen, im republikanischen Lager bei der eine Woche späterem 20. August in San Franzisko stattfindenden Wahl nicht ganz glattgehen wird. Der Mann, der den Republikanern jetzt die größten Kopfschmerzen macht, heißt Harold E. Stassen, war einmal Gouverneur des Staates Minnesota und hat seinen politischen Ehrgeiz noch keineswegs aufgegeben. Er steht auf dem linken Flügel der republikanischen Partei und ist als Sonderbeauftragter des Präsidenten für Abrüstungsfragen hervorgetreten. Am 23. Juli war – wie ein Blitz aus heiterem Himmel – Stassens Ankündigung erfolgt: er werde alle seine Kräfte einsetzen, damit der amtierende Vizepräsident Nixon nicht wieder als Vizepräsident aufgestellt werde, sondern Christian A. Herter, der Gouverneur von Massachusetts (wie Stassen ein Vertreter der Linken innerhalb der republikanischen Partei).

Stassens Ankündigung hat den republikanischen Parteivorstand heftig erschüttert. Bis dahin hatte es als sicher gegolten, daß in San Franzisko Nixon neben Eisenhower nominiert werden würde. Jetzt dürfte es um den zweiten Platz einen harten, die Einheit der Partei gefährdenden Kampf geben. Die Aufmerksamkeit der Wähler ist dadurch erneut auf den labilen Gesundheitszustand des Präsidenten gelenkt worden. Eisenhower selber tut in der ihm eigenen freimütigen Art wenig, die amerikanische Öffentlichkeit zu beruhigen. Auf seiner ersten Pressekonferenz nach der Operation sagte er etwas besorgt: "Ich fühle mich jetzt ganz wohl, aber nicht so wohl wie voriges Jahr um diese Zeit."

Der Zweite auf der republikanischen Liste wird dadurch vom Vizepräsidenten zum Alternativpräsidenten. Diese psychologische Amtserhöhung verstärkt die ohnehin bestehende Opposition gegen Richard Nixon. Bei der Nominierung des Vizepräsidenten dürfte es in San Franzisko zu bitteren Auseinandersetzungen kommen, die die Schlagkraft der Partei gefährden. Und wenn dann – was noch immer wahrscheinlich ist – Nixon dennoch aufgestellt wird, dann könnten die Republikaner bei den Wahlen am 6. November dadurch leicht erheblich mehr Stimmen nicht-parteigebundener Wähler verlieren, als sie angenommen hatten.