Canterbury, im August

In dem Grenzrestaurant "Am Bildchen" an der deutsch-belgischen Grenze bei Tulje sagte der Besitzer: "Zigaretten verkaufe ich nur an Gäste, die hier verweilen." Das war der letzte verwirrende Eindruck von der Bundesrepublik. Gleich hinter dem belgischen Schlagbaum kauften die meisten Autofahrer Benzin, weil es in Belgien billiger ist. Die Tankwarte weigerten sich nicht, ihren Umsatz zu erhöhen.

Auch unser Touring-Bus, der auf der vor kurzem eröffneten Linie von Frankfurt nach London ab Köln mit einem belgischen Fahrer und einer belgischen Stewardesse fuhr, tankte in Tulje. Es ist eine von der deutschen Touring-Gesellschaft, dem Belgischen Kommissariat für Fremdenverkehr und von der englischen East-Kent Bus unterhaltene Strecke, die zum immer größer werdenden Europabus-Netz gehört. Der Europabus-Dienst, von einer zentralen Stelle in Bern gesteuert, ergänzt in den einzelnen Staaten und mit einer Reihe internationaler Verbindungen das Eisenbahnnetz. Diese komfortablen Linienomnibusse – mit Bar – haben nicht den gemeinschaftssüchtigen, "stimmungserfüllten" Charakter mancher Bus-Gesellschaftsreise. Man reist als Individualität. Bei jedem Stop kann man aus- oder zusteigen. Und auch die gelegentlichen Erklärungen der Stewardesse über Städte, Dörfer und Landschaften haben nichts von jenem "Geplauder" aufgedrehter Reiseleiter, die sich wie eine Stimmungskanone im Varieté fühlen. Alles in allem: Zumindest auf so guten Straßen wie in Belgien und England hat die Reis; in dem großen Europabus vorteilhafte Seiten. Die Fahrt von Frankfurt nach England kostet 128 DM. Da, wer England erreichen will, ohnehin auf Schiffe umsteigen muß, nimmt auch den Wechsel vom kontinentalen auf den East-Kent-Bus fast unbemerkt hin.

Der Europabus macht schon in Löwen eine schöne Schleife um den imposanten Bau der berühmten alten Universität und das bezwingend schöne spätgotische Rathaus. Wer will, kann hier schon verweilen, um an dieser Stelle in einem der jüngsten europäischen Staaten ältester europäischer Geschichte auf die Spur zu kommen und damit die im Unbewußten schlummernde Erinnerung an die eigene Herkunft zu befreien.

In Brüssel ist der Bus am späten Abend. Man geniert sich ein bißchen, mit dem riesigen Vehikel auf die Grand Place zu fahren, einen der herrlichsten Festsäle der Welt unter freiem Himmel. Aber da sind schon mehr, die ihn verschandeln.

Der Bus muß sich beeilen. Um 1.45 Uhr geht das Boot von Ostende nach Dover. Nur die Engländer finden es selbstverständlich und keiner Debatte wert, daß das Schiff nächtlich zu unzivilen Zeiten auf dieser Strecke verkehrt. Es fährt nicht nur in der halben Nacht ab, es kommt auch zu nachtschlafender Zeit, um 5 Uhr, an der anderen Küste an. Bequeme Kontinentale wissen die Strecke Hoek van Holland – Harwich zu rühmen, auf der man eine ganze Nacht ruhig schlafen kann, wenn nicht gerade der Sturm tobt. Ich blieb in Gent und kehrte ein in der Geschichte und in dem im Jahre 1228 erbauten ältesten Hotel, das ich je sah: Cour St. Georges – oder flandrisch – St. Jorishof. Die Zimmer sind lobenswerterweise in jüngster Zeit erneuert und mit heutigem Komfort versehen. Leider haben die jetzigen Besitzer dabei weit weniger Geschmack und Formgefühl gehabt als ihre Vorfahren. Ehe die vielen Besucher in unserem Jahrhundert kamen, um den großen gotischen Saal zu besichtigen und die exzellente belgische Küche zu genießen, hat dies Haus schon Persönlichkeiten beherbergt, die hier Geschichte machten. Die prunkliebende Prinzessin Maria von Burgund, Tochter Karls des Kühnen, unterzeichnete im Jahre 1247 im Jorishof das "Große Privileg", das allen flämischen Städten das Recht der Selbständigkeit und des eigenmächtigen Erlasses von Gesetzen zuerkannte. Im großen Saal gab sie ein Bankett, von dem man noch heute spricht. Unser ehemaliger Kaiser Karl V. hat hier gewohnt und, wahrhaftig, Napoleon I., im Zimmer nebenan.

Das ist also die Stadt, in der Karl V. geboren wurde und die einst größer und dichter bevölkert war als Paris. Am Morgen steht das Rathaus, halb Renaissance, halb Gotik und doch voll edler Harmonie vor der Hoteltür. Ragender Beifried, Symbol der städtischen Freiheit, von dem 52 Glocken jubelnd singen und läuten, und die Türme von St. Nicolas und St. Bavo. In einer Kapelle dieser Kirche, wie selbstverständlich an dieser frommen Stelle, steht der Flügelalter der Brüder van Eyck "Die Anbetung des Gotteslammes", dessen wechselvolles Schicksal in vielen Revolutionen und Kriegen allein ein langes Kapitel in der stürmischen Geschichte dieses Grenzlandes von Germanen und Romanen ist. "Gent stand stets an der Spitze der Revolution", das sagen heutige Genter, die sich so charakterisieren: "Wir mußten immer dagegen sein und uns unserer Haut wehren, dadurch sind wir leider etwas querköpfig geworden, schimpfen gern und sind dagegen."