Nach über zehn Tage währenden Kämpfen gingen am letzten Sonntag in Hamburg die 50. Inter nationalen Tennis-Meisterschaften von Deutschland zu Ende. Die perfekten Leistungen der Spieler versetzten die Zuschauer auf den schönen Sportanlagen des Klubs an der Alster in hellste Begeisterung, und die Hamburger Tennisgilde als die traditionelle Veranstalterin dieses Turniers, das eine so glanzvolle Besetzung wie kaum je zuvor gefunden hatte, kann zufrieden mit dieser Jubiläumsveranstaltung sein. Der Wimbledon-Sieger Lewis Hoad schlug alle seine Gegner sicher aus dem Felde und fügte mit seinem Endsieg über den Italiener Sirola seinen Titeln als Meister von Australien, Italien, Frankreich und England nun auch noch den Deutschen Meister hinzu. Gemeinsam mit seinem Landsmann Candy holte er sich noch die Meisterschaft im Herren-Doppelspiel, in dessen Endrunde das Paar Louis Ayala (Chile) und Sven Davidson (Schweden) sicher geschlagen wurde. Die Meisterschaft der Damen sicherte sich die Australierin, Thelma Long. Auch das Damen-Doppel fiel an Australien. Hier siegten Daphne Seeney – Fay Müller. Im Gemischten Doppel waren Frau Long (Australien) – Louis Avala (Chile) nicht zu schlagen. So fielen von den acht zu vergebenden Titeln allein sieben an Australien.

"Netzball-Pinschen" nannte vor über fünfzig Jahren ein alter Gymnasiallehrer das Tennisspiel, und von dem Tennisschläger, damals noch vornehm Rakett geheißen, sprach er stets nur als von dem "Biberschwanz". Damit wollte er seine Verachtung für dieses Spiel zum Ausdruck bringen. Dabei hatte in jenen Jahren die Sportbegeisterung nur erst verhältnismäßig wenige ergriffen. Auf den Spielfeldern und um sie herum herrschte ein unbeschwertes, lustiges Treiben. Jedermann nahm die Sache leicht.

Was würde dieser würdige Herr wohl heute dazu sagen, daß auf mächtigen, überfüllten Tribünen viele Tausende sich drängen, die den sympathischen Zeitvertreib nur noch tierisch-ernst nehmen. Mit grimmigen Blicken folgen sie dem Geschehen zwischen den weißen Kalkstrichen. In ihren Blicken zeigt sich erst und immer nur dann ein Lächeln, wenn ihr Liebling einen Punkt gewonnen hat. Die Mienen der Spieler aber sind gespannt und voller wachsamer Konzentration. Nur ein paar ganz große Könner sind so überlegen, daß ihre fast artistische Leistung leicht und spielerisch wirkt. Tennis ist zu einer seriösen Veranstaltung geworden. Wimbledon müßte nach Ansicht eines australischen Fachmannes nur noch "Grimbledon" genannt werden, denn gar zu grimmig betrachteten Aktive wie Zuschauer das Turnier und seinen Sport.

Alle Sportarten haben sich im Laufe der Jahrzehnte technisch gewandelt, sind härter geworden und fordern von denen, die sie ausüben, immer größere Anstrengungen. Aber bei aller Präzision sollte man doch menschliche Verkrampfung vermeiden. Das Publikum allerdings müßte seinen Beifall weniger nach Sympathien und Antipathien als mehr nach dem wirklichen Können spenden. Der Applaus zum Beispiel, der dem Frankfurter Helmrich schon gleich nach den ersten beiden gegen Hoad gewonnenen Spielen entgegenschallte, war dem Wimbledonsieger und inoffiziellen Weltmeister gegenüber nicht ganz fair. Und warum applaudiert man, wenn ein Punkt oder gar ein Spiel allein durch einen Doppelfehler des Gegners gewonnen wird?

Unsere Tennisspieler von heute sind Roboter und ihr Spiel ist ernst und schwer. Sie stellen auch ihre finanziellen Forderungen, und wer am besten zahlt, erhält als Veranstalter den Zuschlag. Wo sind die Zeiten hin, da die zu ihren Tagen beste deutsche Spielerin, Gräfin Clara v. d. Schulenburg allein die Bedingung stellte, daß die für ihre Spiele benötigten Bälle stets in einer Eistruhe aufbewahrt werden müßten, um ihnen ihre Elastizität und Sprungkraft zu bewahren? Die Atmosphäre über einem Tennisturnierplatz von heute ist devisengeladen.

Es gibt erfreuliche Ausnahmen. Ein paar Spieler haben sich ihr menschlich-liebenswürdiges Wesen bewahrt. Es war ein Vergnügen, auf dem Hamburger Turnier dem bald sechzigjährigen Franzosen Jean Borotra zuzuschauen, der, wieeinst vor dreißig Jahren schon, stets mit einem strahlenden Lachen über den Platz fegte, die eigenen Fehler nicht tragisch nahm und immer auch ein freundlichanerkennendes Wort für den Gegner fand. Ein Glück auch, daß es den Österreicher Huber, "Tennisclown" genannt, noch gibt, dessen kauzischartistisches Spiel fraglos noch eine eigene Note aufweist. Und Lyle Turnbull erzählt aus Wimbledon: "Ilse Buding, ein hübsches deutsches Mädchen, schätzte ihr Aussehen höher ein als den Sieg. Im Mixed hob eine Windboe ihr Röckchen bis über die Hüften und enthüllte das spitzenlose, aber dennoch nicht weniger charmante Höschen. Würde sie den Ball schlagen, oder sich um ihr Kleid kümmern? Ein kurzer Augenblick des Zögerns, dann ließ Ilse ihren Schläger fallen, brachte ihren Dreß in Ordnung und ließ den Ball passieren."

Die Plissee-Röckchen der Damen werden immer kürzer, Bart und Haar des dänischen Daviscup-Spielers Ulrich immer länger. Sind das vielleicht Versuche des Spielerischen, die uns davor bewahren könnten, daß das Tennisspiel in der technischen Präzision von Spielautomaten erstarrt?