London, im August

Schon lange hat die englische Öffentlichkeit nicht mehr so geschlossen und eindeutig reagiert wie jetzt auf Oberst Nassers Handstreich am Suez-Kanal.

Es gibt zwei Arten von politischen Krisen: die einen werden nur von politisch geschulten Leuten wahrgenommen (so war es bei der Berliner Blockade für die Engländer), die anderen empfindet jeder instinktiv mit. In diesen Tagen fühlte jeder Engländer, wie kritisch die Situation am Suez-Kanal ist. Tausende und Abertausende englischer Soldaten sind irgendwann einmal durch diesen Kanal gefahren; Tausende und Abertausende englischer Frauen und Mädchen tragen Handtaschen, die ihre Männer und Freunde ihnen einst von Suez geschickt haben.

Der Kanal ist fast so sehr Teil des englischen Alltags geworden wie etwa die Themsemündung. Und jeder weiß auch, worum es geht: kein Staat Westeuropas importiert, verbraucht und verarbeitet so viel Erdöl wie Großbritannien. Dieses Erdöl kommt beinahe ausschließlich von den Quellen im Nahen Ostn auf dem Wege durch den Suez-Kanal – 80 v. H. des Rohöls seit 1952 und 62 v. H. des Petroleums, das in England verbraucht wurde.

In dem Augenblick, wo dieses Öl aufhörte zu fließen, wäre die englische Industrie gelähmt. Sich auf die Ölvorkommen in Venezuela oder in den Vereinigten Staaten umzustellen, hieße – sofern die Mengen überhaupt reichen würden – schwere Dollarverpflichtungen eingehen, die die britische Wirtschaft nicht lange tragen könnte.

Oberst Nasser hat daher Großbritannien an einer höchst verwundbaren Stelle getroffen. Die Engländer befinden sich in der Situation eines Tiefseetauchers, der plötzlich merkt, daß seine Luftzufuhr vom guten Willen eines Irrsinnigen abhängt. Daher die ungewöhnlich heftige Erregung, die erst nach zehn Tagen ein wenig abgeklungen ist.

Wie lebenswichtig der Kanal der britischen Regierung schon seit langem erscheint, geht zum Beispiel daraus hervor, daß bei Abschluß desKellogg-Paktes 1928 – zu einer Zeit also, da die Möglichkeit einer Krise sich noch nicht einmal abzuzeichnen begann – die britische Regierung den Suezkanal bei ihrem Verzicht auf Gewalt eigens ausnahm. Auch die Labour-Party steht gegen Nasser. Im Innern des Landes findet die britische Regierung also Unterstützung durch eine von der Rechten bis zur Linken geschlossene Front.